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16. Januar 2022 Warme Socken über dem Atlantik:

Warme Socken über dem Atlantik

Als Kind habe ich das Buch vom Seelenvogel gelesen. Der Seelenvogel kann ängstlich sein oder verschreckt. Er kann fröhlich in deiner Brust umherhüpfen und Purzelbäume schlagen. Oder er kann frei, wie die anderen Vögel in der Luft umherfliegen, so wie meiner es tat. Ich stelle mir vor, wie er von der Rah des höchsten Segels an Bord auf mich herunterblickte oder weite Kreise um das Schiff zog, dass für dreieinhalb Monate mein zuhause war. 

Was mag er gesehen haben von dort oben? So einfach es ist diese Frage zu stellen, so einfach ist es auch, sich in ihrer Antwort zu verlieren. Eine Antwort, die für jede an Bord eine andere sein kann. Ich glaube, ich selbst hätte von dort aus in erster Linie einen Haufen wunderschöner, kluger und liebevoller Menschen gesehen. Einen Haufen, welcher sich nach und nach dem Versuch annahm, eine Gemeinschaft zu werden, ohne dabei seine einzigartige Unordnung zu verlieren. Ich glaube, dass dieser Versuch gelungen ist und dass wir alle noch viel mehr als das wurden. Aus dem Haufen toller Menschen sind einzigartige Freundschaften erwachsen. Es sind Abende entstanden, deren Musik und Gelächter ich noch jetzt in meinen Ohren höre und Erfolge, die uns alle gemeinsam wie Gockel übers Deck stolzieren lassen haben. 

Atlantik vor Grenada

Endlosigkeit. Auf dem Wasser fällt es leichter zu verstehen, wie klein man wirklich ist. © Moses

Auch Stürme hat es gegeben und so manches Mal mussten wir unsere emotionalen Segel reffen, damit uns der Wind nicht zu weit vom Kurs abbringt. Wie sehr freute ich mich aber über diese Stürme, weil jeder von ihnen uns auf eine besondere Weise vorwärts brachte und unserer Gemeinschaft neue Erfahrungen schenkte. 

Ich glaube, dass man von dort oben auch sehen konnte, dass wir alle ab und an unsere eigenen Kämpfe austrugen und dass wir alle daran wuchsen, wenn ein Kampf gewonnen war. 

Man konnte aber auch ganz konkrete Dinge sehen. Dazu gehört das Konzert mit Mawe auf Teneriffa oder die Party in der Mitte des Atlantiks, welche wir als Fleck bunten, glücklichen Lebens in einer endlosen Weite empfanden. 

Diese Weite … drei Monate hat es uns gekostet in die Karibik zu kommen. Der Wind hat uns dort hingeweht. Ich finde das wichtig zu betonen: Es war der Wind. Wir haben die Segel gesetzt und er hat uns hinübergeschoben. Drei Monate hat es gedauert und ich finde diese Zeit ist angemessen.

Und jetzt? Jetzt sitze ich im Flugzeug. Bis zum Zwischenstopp auf Barbados hat es die Zeit gedauert, die ich brauchte, um mir wärmere Socken anzuziehen. Eine strecke für die uns der Wind einen ganzen Tag geschenkt hätte. Ich habe die Augen zugemacht und einige Stunden schlecht geschlafen und als ich sie wieder öffne, bin ich auf der anderen Seite des Meeres. Und da, endlich muss ich weinen.

Diesen Ozean, der mir eine so besondere Zeit mit so wunderbaren Menschen beschert hat, überfliege ich nun mit einer Geschwindigkeit welche ich nur als Frechheit empfinden kann. Niemand darf verlangen, dass bei diesem Tempo mehr als nur der Körper verschickt wird.  

Der fast leere Flughafen von Grenada.

Im Flughafen von Grenada ist nichts los. Wer würde hier auch wegwollen? © Moses

Beim Landeanflug auf London kommen einige Gefühle hoch, die ich zum Abschied festhalten möchte:
Euch an Bord wünsche ich, eine fantastische Zeit, dass ihr jeden Moment genießen werdet und miteinander teilen mögt. Ich hoffe, dass ihr noch ganz viel Einzigartiges erleben werdet und dass ihr dieses warme Gefühl was die ganze Zeit um uns war für immer in eurem Herzen tragt. 

Weiterhin hoffe ich von ganzem Herzen, dass die Menschen, welche die Leuchtraketen vor Teneriffa verschossen haben, es geschafft haben und in Sicherheit sind. Wir haben unser Bestes gegeben euch zu finden und ich hoffe, euch geht es gut.

Euch an Land möchte ich Danke sagen. Für das Vertrauen und die Stärke, die ihr beweist, so einen kostbaren Schatz wie eure Kinder, Enkel und Freund*innen auf diese Reise zu schicken. Ich glaube, ihr dürft unendlich stolz sein und ich an eurer stelle würde mich wie ein Pudel auf die Menschen freuen, die da wiederkommen. Auch an meiner Stelle … 

Für mich selbst wünsche ich nichts. Ich bin voll von Erlebnissen, die mich immer begleiten werden und von diesem warmen glücklichen Gefühl, dass mir Kraft gibt. 

Und mein Seelenvogel? Ich nehme an, dass er sich bald von der Rah schwingt und sich auf den Weg macht. Meinetwegen soll er sich einige Wochen Zeit lassen und beim Flattern über den Ozean bitteschön jede Welle von mir grüßen.

Jetzt schon wieder zurück zu sein, dürfte niemand von ihm verlangen. 
Danke an das Meer, den Wind und alle Menschen.
Wir sehen uns in Hamburg!

Alles liebe! Ich denk an euch.

Grüßt mir den kleinen Bär und kleinen Tiger, falls sie es nach Panama geschafft haben.

Euer Moses