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Nachtrag: 28. Februar 2022 Wasteless World

Nachtrag: 28.02.2022, 16.08 Uhr

(Aus unerfindlichen Gründen ist die E-Mail mit dem nachfolgenden Beitrag  nicht bei der ShoreCrew angekommen, weshalb wir Text und Fotos erst heute veröffentlichen können. An »Aktualität« hat der Beitrag dadurch nicht verloren!)

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Position: 13°43.078'N 79°45.788'W
Kurs: 005°, Nord Richtung Kuba
Bisher zurückgelegte Seemeilen: 8158,51 sm
Wetter: Sonnig, leicht bewölkt, 28°C · Wind: Nord, 1-3 bft
Gesetzte Segel: keine (unter Motor)
Geschwindigkeit: 5.1 kn
Müll: recycelt (Biomüll, Plastik PET 01 – 07, Glas, Papier)
Stimmung an Bord: Ready for Cuba

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Plastik. Auf unserer Welt gibt es schon zu viel von diesem Kunststoff und trotzdem produzieren wir 300 Millionen Tonnen jedes Jahr dazu. Die Folgen des schlechten Abfallmanagements sind für uns und unsere Umwelt zunehmend gefährlich. Meerestiere ohne Plastikpartikel im Magen oder jeglichen äußerlichen Verstrickungen sind zur Seltenheit geworden. Lokale Küsten sind verschmutzt, man findet Plastik auf Bäumen, Äckern, Straßen, als riesige Müllstrudel im Meer, in den Tiefen des Ozeans und sogar in unserer Nahrungskette.

Vor der Recycling-Station von Bocas del Toro

Natalia und Kira stehen vor der einzigen Recycling-Station von Bocas del Toro © Peggy

Wie kommt es dazu? 12,7 Millionen Tonnen Plastik landen jährlich im Meer. Allerdings ist nur ein Prozent des gesamten »Meeresplastiks« an der Oberfläche zu sehen. Wo sind die restlichen 99 Prozent? Der Weg, den der Plastikmüll geht, ist lang. Unterwegs – oftmals dauert es über zehn Jahre – wird er zerrieben, zerfressen und nur sehr langsam auch zersetzt. Dabei entsteht Mikroplastik. Diese weniger als 5 mm kleinen Partikel sind vor allem in der Tiefe zu finden. Ja, die Plastikkonzentration ist dort 1000 Mal höher als an der Oberfläche. Das Mikroplastik lagert sich ab, wird in Sedimente gebettet und bildet allmählich eine neue geologische Schicht. Wir benutzen die Tiefsee als riesige Müllhalde, bevor wir sie überhaupt annähernd erforscht haben. Noch so eine Müllkippe ist das Meereis – auch in ihm findet man eine hohe Konzentration an Mikroplastik. Allerdings ist dieses kein stabiler Speicher. Wegen des Klimawandels wird das Abschmelzen (Meereis) beschleunigt und 1000 Milliarden Plastikpartikel werden freigesetzt. Das zeigt uns: Mit der Zeit wird es nicht besser. Das Problem ist auch erst seit 2007 überhaupt bekannt.

Die Folgen des Mikroplastiks sind noch unerforscht, doch klar ist, die Plastikoberfläche ist ein Schwamm für Schadstoffe. Sie nimmt Umwelt- und Krankheitserreger auf. Bei der Plastikherstellung werden Additive (giftige Zusatzstoffe) hinzugefügt, welche den Kunststoff toxisch machen. Es gibt Richtwerte, die bei der Produktion nicht überschritten werden dürfen und in den letzten Jahren wurden diese deutlich runtergesetzt, da immer mehr Studien die Schäden der Zusatzstoffe beweisen. Plastik ist krebserregend, umweltschädlich, gesundheitsschädlich, ja, es ist tödlich. Und trotzdem wird die Produktion nicht weniger. Ein weltbekannter Konzern nutzte 2019 so viel Plastik, dass man die Welt 500x in einen 10 cm breiten Streifen Luftpolsterfolie einpacken könnte.

Natürlich, bei dieser Umweltverschmutzung handelt es sich einerseits um die verlorenen Schiffsladungen/-material, Fischernetzte (verlorene/absichtlich im Meer entsorgte) und um Katastrophenmüll, andererseits handelt es sich vor allem um unseren Wohlstandsmüll. Europa, Nordamerika und China produzieren 2/3 des weltweiten Plastiks. 80 Prozent des Plastiks im Meer entsteht an Land. Unser Konsum ist daran schuld, dass Länder des globalen Südens mit jeglichem Plastikmüll überschüttet und kaum bewohnte Inseln von Abfällen dieser Art überflutet werden. Die einzige Möglichkeit, die die Bewohner:innen haben, ist es, das Plastik in großen Haufen zu verbrennen. Den Müll zu einer Entsorgungsstation zu bringen, kommt nicht in Frage. Einerseits gibt es eine solche je nach Ortschaft gar nicht, andererseits kostet es eine Menge. Um einen gefüllten Sack Müll zu entsorgen, müssen die Einwohner:innen zwei bis drei Dollar zahlen. Zu bedenken ist, dass die meisten Menschen in den betroffenen Regionen – wenn es gut läuft – zwei Dollar pro Stunde verdienen. Sie versuchen verständlicherweise ihren Müll in einer günstigeren Weise loswerden, die nicht nur umwelt- sondern auch gesundheitsschädlich ist. Ist es fair, dass Menschen, die keine große Beteiligung am entstandenen Problem verantworten, durch unseren materiellen Überkonsum ihre Lebensgrundlagen riskieren?

Fakt ist, dass wir – der globale Norden – uns nicht über den Weg, den unser allmorgendlicher Joghurtbecher geht, bewusst sind. Während des gesamten Zyklus‘ von Plastik entweicht jede Menge an Kohlenstoffdioxid und Methan. Genaue Zahlen für die einzelnen Bereiche gibt es nicht. Allein bei der Herstellung und der Verbrennung von Plastik wurden 2019 weltweit 850 Millionen Tonnen CO2 und andere schädliche Treibhausgase ausgestoßen – mehr als im selben Jahr in ganz Deutschland. Bei der Erdölförderung, beim Transport, bei der Herstellung und Nutzung, wie auch bei der Verrottung und Zerfall und vor allem der Verbrennung werden die giftigen Schadstoffe ausgestoßen. Am nächsten Morgen essen wir dann wiederholt unseren Joghurt, der den gleichen Weg gegangen ist, angefangen bei der Erdölförderung.

Einfacher wäre es, den Müll wiederzuverwenden und somit den Prozess der Förderung und Verbrennung zu vermeiden. Diesen Prozess gibt es auch schon, man nennt ihn Recycling. Man nimmt einen Stoff, schmilzt ihn und formt ihn in ein neues Nutzobjekt. Zu beachten ist, dass die Stoffe in großen Mengen recycelt werden, die gesamte Stoffmenge aber der gleichen Art entsprechen muss. Deshalb müssen wir unbedingt unseren Abfall trennen.

Dies versuchen wir auch während unserer Reise auf der Gulden Leeuw. Jeder Abfall muss vor der Entsorgung gründlich ausgespült werden, um die Entwicklung von Maden und anderem Ungeziefer zu vermeiden. Da wir versuchen, unseren Müll auf umweltfreundliche Weise loszuwerden, müssen wir ihn oftmals über einen langen Weg transportieren. Diesbezüglich ist es wichtig, den Abfall möglichst handlich zu halten. Das bedeutet, alles, was zerschnitten werden kann, wird in kleine Stücke verarbeitet, jeder Abfall, der zum Beispiel auch als Farbbehälter wiederverwendbar ist, wird dem Bootsmann gebracht und das Verbliebene wird in Plastikmüll, Glasmüll und Restmüll aufgeteilt und auf dem Bridgedeck in die vorgegebene Mülltonne entsorgt.

Jeder Stoff ist mit einer Nummer versehen, die angibt, aus welchem Material er besteht. Wer seinen Müll bewusst trennen und recyceln will, dem empfehlen wir, sich dazu näher zu informieren.

Die ursprüngliche Idee war, über die Etappen von Teneriffa bis zu den Azoren unseren Müll gar nicht zu entsorgen, da es erst wieder auf den Azoren ein vertrauliches Abfallmanagement gibt. Leider war uns nicht bewusst, wie viel Plastikmüll wir produzieren. Spätestens nach der Atlantiküberquerung war es zu viel. Unser Kapitän musste deshalb die Hygiene und damit die Gesundheit seiner Mannschaft über die Umwelt setzten und wir haben einen Teil unseres Abfalls auf St. Lucia und den anderen Teil auf Grenada ungetrennt abgegeben. Umso mehr haben wir uns gefreut, als wir auf Bocas del Toro (Provinz in Panama) das Projekt Wasteless World entdeckten.

Wie so oft im Leben war das reiner Zufall: Kay, unser zweiter Offizier kam bei einem Einkauf für das Schiff mit einer Kassiererin ins Gespräch und erfuhr von Tom Wright, der mit einer Idee nach Bocas del Toro kam. Einer Idee von einem Weg, diesen Teil der Erde, wenigstens zum Teil, vom Plastik zu befreien. Und damit stellte er die erste (und bislang einzige) Recycling-Station der Provinz auf die Beine. Wir durften sie zusammen mit Kay und Peggy und unserem Müll, der übrigens miserabel sortiert, geschweige denn gesäubert worden war, an Land besuchen kommen.

Wenn ihr mehr über Tom und Wasteless World erfahren wollt, seid auf unseren Podcast gespannt: coming soon.

Das Projekt nimmt Plastikmüll nicht nur entgegen, sondern zahlt den Bringenden auch noch etwas Geld. Das macht es für die Einwohner:innen der Provinz sehr attraktiv, da es, wie oben bereits erwähnt, regulär etwas kostet, seinen Abfall bei Entsorgungsstationen abzugeben.

Anschließend wird das Plastik nach verschiedenen Arten, abhängig von den Bestandteilen, sortiert. Plastik ist nämlich nicht gleich Plastik. Es gibt unzählige verschiedene Arten. Beispielsweise PET, das bereits nach einmaliger Verwendung beginnt, Giftstoffe freizugeben.

Der Müll wird von Hand sortiert

Der Müll wird von Hand sortiert – nur sortenreiner Abfall kann recycelt werden! ©Peggy

Bei der Trennung, die nebenbei bemerkt von Hand stattfindet, werden auch Teile, die zu dreckig oder von Tieren wie Maden o.ä. bewohnt sind, aussortiert. Wasteless World verfügt derzeit nämlich noch nicht über eine Säuberungsmaschine und der Dreck könnte die Getriebe der Müllpresse beschädigen. Deshalb ist es nötig, dass wir unseren Plastikmüll, bevor er in der Tonne landet, von Lebensmittelrückständen und anderem Schmutz befreien, um solche unnötigen Komplikationen zu vermeiden. Und auch wenn es in den meisten Ländern Europas ziemlich sicher Säuberungsgerätschaften gibt, ist es trotzdem kein großer Aufwand und spart Extraarbeit.

Nachdem alles sortiert ist, wird das Glas geschreddert, das Plastik gepresst und anschließend zu einem Baumaterial verarbeitet.

Wasteless World gibt es seit 2021 und besteht derzeit aus circa zehn Vollzeit- und mehreren Teilzeitarbeiter:innen. Sie alle sind Freiwillige und arbeiten ohne jegliche Bezahlung, sondern nur aus Überzeugung. Aber es hat sich bereits um einiges vergrößert und wächst stetig weiter. Wenn du Wasteless World unterstützen willst, kannst du hier mehr erfahren und eine Spende einreichen.

Aber ihr könnt noch mehr tun. Wir möchten euch hier ein paar Vorschläge vorstellen, wie ihr euren Plastikkonsum zu Hause reduzieren könnt. Keines dieser Dinge ist der Master-Plan oder die perfekte Lösung, aber es ist alles besser als nichts.


Unser erster großer Tipp: Wiederverwendung!
Stoppt euren Konsumrausch und gebt euch ein bisschen Mühe, euren Habseligkeiten ein längeres Leben zu schenken. Ein schickes Patch kann doch richtig cool aussehen und was spricht dagegen, abseits vom Mainstream Second-Hand shoppen zu gehen? Und wusstest du, dass wir tagtäglich Plastik nicht nur in unserer Umgebung, sondern auch an unserem Körper in Form von Kleidung haben? In so gut wie jedem Kleidungsstück ist wenigstens ein kleiner Prozentteil Plastik, meistens in Form von Elastanen oder Polyester. Diese Stoffe waschen sich auch bei jedem Mal in der Waschmaschine in Form von Mikroplastik raus und werden in das Abwasser geschwemmt. Um das zu vermeiden, ohne seinen Kleiderschrank aussortieren zu müssen, gibt es zum Beispiel ein Wäschenetz, das die kleinen Partikel filtert und das wir übrigens auch alle für diese Reise im Gepäck hatten.

Und natürlich Plastik vermeiden wo es geht. Brotdosen beispielsweise sind zwar wiederverwendbar, aber trotzdem setzen sich mit der Zeit giftige Stoffe aus dem Material ab. Eine Alternative wären beispielsweise Bienenwachstücher. Darin kann man sein Mittagessen einwickeln und das Tuch nach Verwendung abspülen. Oder einfach eine Brotbox aus Aluminium verwenden.

Das ist nur eine Auswahl an Möglichkeiten, es gibt noch viele, viele mehr.

Plastik ist grundsätzlich eine tolle Erfindung und galt bei seiner Entwicklung von 1905 bis 1909 als modern und praktisch: es ist leicht, wasserbeständig und sehr vielseitig. Wie bei so vielen Dingen kann es jedoch sehr schädlich sein. Wir denken aber nicht, dass wir dieses Material, das heutzutage einen so enorm großen Teil unserer Welt ausmacht, einfach weglassen oder ersetzen können. Dennoch kann es so nicht bleiben. Es liegt jetzt an uns, wie wir damit umgehen.

Plastik ist überall und nicht mehr wegzudenken. Alles, was einmal produziert ist, verschwindet nie mehr ganz, das Mikroplastik bleibt bestehen. Manchmal scheint für uns die Lage aussichtslos und vor allem viel zu groß.

Interview mit Tom Wright, dem Gründer der Recycling-Station

Interview mit Tom Wright, dem Gründer der hiesigen Station © Peggy

Aber ab jetzt werden wir immer daran denken, was Tom uns gesagt hat:
Unser größter Fehler ist es, darauf zu vertrauen, dass es intelligentere, mächtigere oder schlicht und einfach andere Leute gibt, die sich um das Problem kümmern. Aber es kommt nicht darauf an, wie intelligent du bist oder welche bahnbrechende Idee du am Ende hast oder eben nicht hast, nein, es kommt darauf an, wie sehr du es versuchst. Wie sehr du das Problem ernst nimmst und alles in deiner Macht Stehende, wie wenig das auch sein mag, in Bewegung setzt, um unseren Planeten ein Stückchen besser zu machen. Es kommt darauf an, wie sehr du an dich glaubst und wie überzeugt du bist.

Wir finden das sehr wahr. Denn es ist unser gemeinsamer Planet, es ist unser aller Problem. Wer also soll sich dafür verantwortlich fühlen? Richtig, wir alle. Und klar, ein einzelner Haushalt ist nichts gegen einen Großkonzern, aber wann soll etwas passieren, wenn wir nicht anfangen, uns am eigenen Schopf zu fassen. Der Regen fängt mit einem Tropfen an, wie mir mal jemand gesagt hat. Also los, sei ein Tropfen und fange an!

Von Kira und Natalia 

 

 

 

 

Quellen:

  • Plastic Planet - Ein Film von Werner Boote.
  • Heinrich Böll Stiftung: Plastik, Müll & ich - Pack aus!
    Berlin: 2021.
  • Katapult Verlag: 102 grüne Karten zu Rettung der Welt.
    Berlin: 2020.
  • Heinrich Böll Stiftung u. A.: Meeresatlas - Daten und Fakten über unseren Umgang mit dem Ozean. Paderborn: 2017.
     

Grüße:

  • von Natalia: Kochana Mamo, dziekuje za wszystko co mi umorzliwilas. Kocham cie z calego serca. Wszystkjego najlepszego z okazji urodzin. Jestes naj lepsza. (Geburtstagswünsche auf polnisch)
  • von Linus H.: Ich wünsche meiner Mutter alles Gute nachträglich zum Geburtstag.
  • von Kira: Ich grüße heute meine beste Freundin Sofia und meine Mama, die mich so sehr unterstützt haben und für mich da waren, als ich sie brauchte. Danke dafür, ich habe euch sehr lieb!
  • von Caro: Liebe Grüße an meine Patenleute (meine persönlichen Götter). Ich habe euch ganz dolle lieb.