Vier Gespräche. Vier Lebenswege.

Vier Abiturientinnen und Abiturienten des Jahrgangs 2026 erzählen, was sie von der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog mit ins Leben nehmen.

Eine gemeinsame Erfahrung verbindet sie alle.

Natürlich sind gute Schulnoten wichtig. Sie eröffnen Studien- und Berufswege, sie sind Voraussetzung für viele zulassungsbeschränkte Studiengänge und spielen bei Bewerbungen häufig eine entscheidende Rolle. Eltern wünschen sich deshalb zu Recht, dass ihre Kinder ihr schulisches Potenzial bestmöglich entfalten.

Doch spätestens mit dem Abitur stellt sich eine zweite, ebenso wichtige Frage: 

Was bleibt, wenn die Zeugnisse in der Schublade liegen?

Was trägt junge Menschen, wenn sie die vertrauten und oft wohlgeordneten Bahnen von Schule und Familie verlassen? Wenn sie erstmals weitgehend selbst Entscheidungen treffen müssen? Wenn sie Krisen bewältigen, Grenzen setzen, Rückschläge verkraften und wieder aufstehen müssen – ohne dass Eltern oder Lehrer jeden Schritt begleiten können? Und wenn sie Menschen begegnen, die ihnen nicht immer mit Offenheit, Respekt oder Wohlwollen begegnen?

Wir haben vier Abiturientinnen und Abiturienten der Hermann Lietz-Schule eine einfache Frage gestellt: Was nehmt ihr aus eurer Zeit auf Spiekeroog mit in euer Leben?  Alle vier besuchten zuvor staatliche Schulen. Was hat das Internat ihnen gegeben, was sie dort so nicht gefunden haben?

Mehr als gute Noten

Eines können wir schon vorwegnehmen: Über Noten – gute wie schlechte – wurde kaum gesprochen. Stattdessen erzählten sie von Selbstvertrauen, Freundschaften, Verantwortung, Respekt und dem Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Grundlage – für ein erfolgreiches Studium, einen erfüllenden Beruf und ein selbstbestimmtes Leben.

 

Emma Simon, Abiturientin der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
„Ich würde mich wieder für die Lietz entscheiden. Ohne Wenn und Aber.“
Emma | Abitur 2026 | Freiburg

Noch bevor das Segelschiff der High Seas High School wieder Kurs auf Deutschland nahm, stand für Emma fest: Zurück in die Heimat – ja. Zurück an ihre alte Schule – auf keinen Fall. Die Monate auf See hatten ihr gezeigt, wie sich echte Gemeinschaft anfühlen kann – eine Erfahrung, die sie auf keinen Fall mehr missen wollte. Auf Spiekeroog fand sie genau das wieder.

Heute beschreibt sie die Lietz als ein Mosaik aus vielen kleinen Erfahrungen, die erst nach und nach ihre ganze Wirkung entfalten. Mit der Zeit fügt sich daraus ein Bild zusammen, das weit über Schule hinausgeht. Hier lernte sie, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und gleichzeitig Verantwortung für andere zu übernehmen. Respekt, Toleranz und Kommunikation sind für sie keine Begriffe aus einem Lehrbuch, sondern gelebter Alltag.

Am meisten aber hat Emma die Gewissheit gewonnen, ihren eigenen Weg gehen zu können. Sie muss sich nicht nach den Erwartungen anderer richten. Sie weiß heute, wer sie ist – und dass sie so, wie sie ist, genau richtig ist.

Rückblickend würde sie nur eines anders machen: diese Zeit noch bewusster erleben. Im Alltag verliere man sich leicht in den kleinen Dingen. Erst später erkenne man, was für ein Geschenk diese Jahre eigentlich waren.

Und heute?

Nach dem Abitur möchte Emma zunächst eine Ausbildung zur Pflegefachkraft absolvieren. Anschließend möchte sie Medizin in Heidelberg studieren.

Schülerin Ray Tripke, Abiturientin der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
„Auf der Lietz habe ich gelernt, dass ich nicht allen gefallen muss. Nur mir.“
Ray | Abitur 2026 | Löhnberg

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Schließlich muss man nicht unbedingt den Weg der großen Schwester gehen. Die hatte Spiekeroog längst zu ihrer Wahlheimat gemacht. Erst eine Begabtenförderung brachte Ray dazu, sich intensiver mit ihren Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Eine Probewoche sollte Klarheit schaffen – und tat genau das. Danach wusste auch sie: Hier möchte ich bleiben.

Was sie überzeugte, war nicht zuerst die Schule, sondern die Gemeinschaft. Im Internat müsse niemand perfekt sein oder sich verstellen. Laut oder leise, extrovertiert oder zurückhaltend, sportlich oder kreativ – jeder finde hier seinen Platz. Anders zu sein werde nicht nur akzeptiert, sondern gehöre selbstverständlich dazu. Nur eines funktioniere nicht: dauerhaft rücksichtslos oder gegen die Gemeinschaft zu handeln.

Nach den belastenden Corona-Jahren brauchte Ray Zeit, um wieder Vertrauen in sich selbst zu finden. Die Lietz gab ihr genau diesen Raum – ohne Druck und ohne Erwartungen. Zwei Jahre dauerte es, bis sie, wie sie selbst sagt, ihre „Insel auf der Insel“ gefunden hatte. Einen Ort, an dem sie ankommen durfte – bei anderen und bei sich selbst. Dort lernte sie auch, dass man nicht alles können und nicht jedem gefallen muss.

Rückblickend sind es deshalb nicht in erster Linie Unterricht oder Noten, die für Ray bleiben. Es ist die Erfahrung, sich selbst akzeptieren zu können, Freundschaften zu schließen, die tragen, und den Mut gefunden zu haben, den eigenen Weg zu gehen.

Und heute?

Nach einigen Reisen möchte Ray zunächst ein Freiwilligenjahr absolvieren. Was danach kommt, lässt sie bewusst offen. Sie vertraut darauf, dass sich der richtige Weg finden wird.

Schüler Moritz Szczepanek, Abiturienti der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
„Auf der Lietz hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Hier gehöre ich hin.“
Moritz | Abitur 2026 | Bremen

Was ursprünglich nur eine Übergangslösung sein sollte, wurde für Moritz zum richtigen Ort. Während der Corona-Pandemie gehörten seine Eltern zur Risikogruppe. Damit er nicht monatelang in Isolation leben musste, wechselte er auf ein Internat. Rückblickend war diese Entscheidung weit mehr als eine pragmatische Lösung.

Nach der Anonymität einer großen Schule traf Moritz auf eine Klasse mit gerade einmal 16 Schülerinnen und Schülern. Doch nicht nur der Unterricht fühlte sich anders an. Im Internat, in seiner kleinen Internatsfamilie und schließlich auf der ganzen Insel erlebte er eine Gemeinschaft, die Vertrauen schenkte und Verantwortung selbstverständlich machte. Es dauerte nicht lange, bis ihm klar wurde: Genau so wollte er lernen und leben. Rückblickend sagt er heute, dass eine Regelschule wahrscheinlich nie der richtige Ort für ihn gewesen wäre. Die Lietz war für ihn kein Umweg – sondern der Moment, in dem vieles plötzlich Sinn ergab.

Moritz gehört zu den Menschen, die nicht lange zusehen, wenn etwas getan werden muss. Er packt an, übernimmt Verantwortung und gibt das, was er selbst gelernt hat, selbstverständlich an jüngere Schülerinnen und Schüler weiter. Für ihn beschreibt genau das den Alltag am Inselinternat: Man hilft sich gegenseitig. Jeder lernt von jedem. Verantwortung wird nicht eingefordert, sondern gelebt.

Vielleicht ist genau das das Beeindruckende an Moritz. Er begegnet der Zukunft mit einer Gelassenheit und Zuversicht, die ansteckend wirken. Nicht, weil er glaubt, die Welt sei perfekt. Sondern weil er überzeugt ist, dass sie sich verändern lässt – wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Diese Haltung trägt ihn heute ebenso selbstverständlich wie damals die Gemeinschaft des Internats.

Und heute?

Nach dem Abitur kehrt Moritz nach Bremen zurück. Dort möchte er Jura studieren. Gut vorstellen kann er sich auch, später politisch Verantwortung zu übernehmen – nicht, um über die Welt zu urteilen, sondern um sie mitzugestalten.

Jule, Abiturientin der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
„Hier wächst man nicht allein. Man wächst zusammen.“
Jule | Abitur 2026 | Frankfurt

Eigentlich begann Jules Geschichte nicht auf Spiekeroog, sondern auf See. Während der Monate an Bord der High Seas High School wurde ihr klar, dass sie genau die Gemeinschaft gefunden hatte, nach der sie unbewusst schon lange gesucht hatte. Zurück an ihre alte Schule? Das kam für sie nicht mehr infrage. Einige ihrer Freunde waren bereits auf dem Lietz – für Jule gab es deshalb nur eine logische Konsequenz: Sie wollte mit.

Was sie dort fand, war weit mehr als Unterricht oder ein Internat. Es war eine Atmosphäre, in der Lernen nicht mit dem Stundenplan endete. Lehrerinnen und Lehrer, Mitschülerinnen und Mitschüler – sie alle waren Teil eines gemeinsamen Alltags. Gespräche hörten nicht mit dem Klingelzeichen auf. Gemeinschaft wurde nicht organisiert, sondern gelebt.

Besonders faszinierte Jule diese einzigartige Mischung: anspruchsvolles Lernen, handwerkliches Arbeiten, Segeln, Verantwortung und echtes Miteinander. Im Bootsbau lernte sie, wie aus vielen einzelnen Teilen etwas Tragfähiges entsteht. Beim Segeln erlebte sie, dass Vertrauen keine Theorie ist, sondern Voraussetzung dafür, gemeinsam ans Ziel zu kommen. Für sie gehören Kopf, Herz und Hand untrennbar zusammen.

Jule suchte nie einfach nur eine Schule. Sie suchte ein Umfeld, in dem Menschen gemeinsam wachsen wollten. Das Lietz bot ihr Menschen, die ähnlich dachten, ähnliche Fragen stellten und Lust hatten, gemeinsam zu wachsen. Diese besondere Mischung aus Gemeinschaft, intellektueller Neugier und praktischem Tun schuf für sie die idealen Bedingungen, ihren eigenen Weg zu finden.

Und heute?

Noch bleibt Jule ihrer Insel ein wenig treu. Bis zum Herbst wird sie auf Spiekeroog bleiben, bevor sie zunächst nach Peru und anschließend für ein Jahr durch Südamerika reist. Danach zieht es sie an die Universität Leiden nach Den Haag. Dort möchte sie Global Challenges studieren – eine Entscheidung, die kaum besser zu ihr passen könnte.