21. Oktober 2026 Nightwatch und Horizonte

Datum: 20.10.2026
Koordinaten: 45°31.8054‘N, 008°20.9644‘W
Wetter: Ruhe vor dem Sturm, bedeckt
Wind: noch mäßig (wird sich ändern!)
Bisherige Seemeilen: 747
Kurs/Ziel: Vigo, Nordspanien
Stimmung: Freude auf unser erstes Zwischenziel
 
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Es ist 23:29 Uhr und die Red-Watch weckt uns. Sie sagt, dass es sehr kalt und windig sei. Ich schaue auf meine Uhr. Ich hatte seit dem Abendessen und Mustering um kurz vor 19 Uhr keine vier Stunden Schlaf – super ...
Ich ziehe mich an und gehe nach oben in die Messe. Zwei Watchmitglieder und unser Watchleader (ein Crewmitglied, das die Watch anleitet) warten schon. Da unsere Watch erst um 0 Uhr beginnt heißt es noch abwarten. Ich sehe nach einem erneuten Blick auf meine Uhr, dass ich noch weitere 16 Minuten versuchen muss, nicht einzuschlafen. Der Teamleader (Student in Leitungsrolle) und die Personen für Helm und Lookout (die Person, die steuert und die Personen, die das Meer beobachten) dürfen jetzt bereits raus, denn sie müssen um 23:55 Uhr auf der Outer Bridge (das offene Deck von dem aus gesteuert wird) für das Handover (Übergabe) erscheinen.

Wir ziehen jetzt unsere Lifevests (ein relativ schmaler Gurt um den Hals mit rucksackähnlichen Trägern) an, die man nach Sonnenuntergang draußen sowieso immer tragen muss. Das dauert in den meisten Fällen weitere 3 Minuten. Es ist 5 Minuten vor Mitternacht und unsere Watch versammelt sich jetzt zwischen Galley und Inner Bridge. Die Inner Bridge ist der geschlossene Teil der Brücke und Ort für die nautisch-technischen Geräte. Nachdem wir unsere Sicherheitsgurte angelegt haben, sind wir bereit. Draußen erwartet uns völlige Dunkelheit und eisiger Wind. Mit kaum sichtbarem Horizont machen wir uns auf den Weg zur Outer Bridge, auf der uns unser Watchleader (von 00 – 04 Floren) erwartet. Dann geht auch schon die erste Deck-Round los und drei von uns machen sich auf den Weg das Deck nach losen Tauen aber auch nach anderen Auffälligkeiten zu durchforsten. Der Rest von uns muss zurückbleiben und die bittere Kälte in einer Eisstarre ertragen. Währenddessen hält der Lookout Ausschau nach Dingen, die das Radar vielleicht nicht erfasst, beispielsweise nach kleineren Schiffen, Fischernetzen oder Bojen. In der Dunkelheit sind nur die Positionslichter der Schiffe zu sehen.

Zwischen den nächtlichen Aufgaben gibt es manchmal nur wenig zu tun, wodurch man kalte Hände bekommt. Dann sind selbst Dinge wie „Knoten üben“ eine Qual. Eigentlich müssten wir uns bewegen, aber unser Watchleader meint, es gebe aktuell leider nichts zu erledigen.
Der Helmsman hat Glück, denn er hat die Aufgabe, das Schiff durch die Dunkelheit zu manövrieren. Er steht am Steuer, sieht aber nicht, wohin er fährt und muss sich allein auf die elektrischen Instrumente verlassen. Wenn er mehr als 10 Grad vom vorgegebenen Kurs abweicht, kommt der Watch Officer, der es sich heute in der beheizten Inner Bridge gemütlich gemacht hat.

Die Outer Bridge mit Steuerrad und Lookouts

Die Outer Bridge mit Steuerrad und Lookouts © Johnny
Beitragsbild: Die Blue Watch auf dem Vordeck © Julia

Die Inner Bridge mit allerlei technischen Apparaten

Die Inner Bridge mit allerlei technischen Apparaten © Johnny

Der einzige Nachteil am Steuern ist, dass einem selbst am Steuerrad die Finger abfrieren.
Mit etwas Glück komme ich diese Watch auch noch ans Steuer. Es ist jetzt 0:52 Uhr. Sehr gut! Die erste von vier Stunden ist also fast geschafft. 5 Minuten später fragt unser Watchleader nach zwei bis drei Freiwilligen für die Safety-Round. Eine andere Aufgabe, die man positiv wie negativ bewerten kann. Sie ist einerseits gut, um der Kälte zumindest zeitweise zu entfliehen, während sie bei Seekrankheit das Worst-Case-Szenario darstellt, da man bei teilweise sehr starkem Seegang, dick angezogen durch die engen Hallways (Flure unter Deck) und bis in niedrige Schächte auf Knien kriechen muss.

Dieses Mal entscheide ich mich nicht dazu, mich zu melden, denn ich spüre bei diesem Seegang, wie mein Magen zu kämpfen hat. Vielleicht ein Fehler, denn ich fühle, wie sich die Kälte ihren Weg meinen Rücken hinaufbahnt. Nach einem weiteren Blick auf meine Uhr sehe ich: 1:37 Uhr. Die Zeit vergeht viiiel zu langsam! Ich lehne mich auf der Bank zurück und richte meine Blick nach oben. Die Wolken über uns sind mittlerweile vorübergezogen, denn ich sehe einen atemberaubenden Nachthimmel über mir. Wenn ich meinen Blick entlang der Masten fokussiere scheint es fast so, als würde sich der Himmel über uns bewegen. Wenn ich mich ein bisschen mehr mit Sternbildern auskennen würde, könnte ich wahrscheinlich auch einige erkennen, aber auch so ist es echt faszinierend. Ich könnte ewig so liegen und in den Nachthimmel starren, wäre da nicht die Müdigkeit, die mich wieder zu überwältigen droht. Um nicht einzuschlafen setzte ich mich wieder aufrecht hin.

Es ist jetzt kurz vor 2 Uhr und wir brauchen wieder Freiwillige für eine weitere Aufgabe: das ist das Zubereiten des Feinkostsnacks, den sich die 00 - 04 Watch macht, weil sie das Frühstück verschlafen darf. Dabei handelt es sich um den legendären Toastie, einen in einer gusseisernen, fettigen Pfanne gebratenen Sandwich aus zwei Toastscheiben, die mit Käse und Schinken kombiniert werden (optional nur Schinken oder Käse mit Toast; nur Toast). Der Rest von uns darf warten.

Ich betrachte wieder einmal den Nachthimmel bis plötzlich die Bordlichter an den drei Masten angehen und mir völlig ins Gesicht scheinen. Ab dem Punkt fühlt man sich nun wirklich isoliert, denn nicht nur kann man jetzt keine Sterne mehr sehen, man kann jetzt generell im Umkreis von 50 Metern um das Schiff überhaupt nichts mehr erkennen. Das heißt, der Lookout ist jetzt quasi blind und wir verlassen uns nur noch auf unser Radarsystem.
Mittlerweile ist es schon 2:17 Uhr und 43 Sekunden und wir erleben nun wortwörtlich den Wendepunkt der Watch vor. Wir bereiten uns nämlich auf einen „Tack“ vor.
Für euch Zurückgebliebene heißt das: wir drehen den Bug des Schiffes durch den Wind, sodass dieser von der anderen Seite kommt und die Segel deswegen auch auf die andere Seite müssen. Dafür werden an alle Schoten (die Seile, mit denen man die Segel bedient und einstellt) Personen eingeteilt. Sobald das Hornsignal ertönt und die Bosuns (verantwortliches Crewmitglied für Manöver und Arbeiten an Deck) ihr OK gegeben haben, wird eine vorher besprochene Aktion durchgeführt. Das kann entweder Ziehen oder „Slack geben“ sein. Die Kurzform folglich: eine Wende fahren.

Gerade als wir beginnen möchten, kommen die gut riechenden, saftigen Toasties aus der Galley, doch der Zeitpunkt ist nicht ideal und wir müssen mit dem Verzehr auf später warten — zumindest spornt uns jetzt die Vorfreude an. Während des Tacks vergeht die Zeit wie im Flug und, wenn ich das nächste Mal auf meine Uhr schaue, ist es bereits 3:28 Uhr – sehr gut!
Der Teamleader stellt nun erschreckt fest, dass es allerhöchste Zeit ist, eine mutige Heldin und einen mutigen Helden auf die Mission zu schicken, die nächste Wache aufzuwecken. Dieses unendlich laufende Wachsystem wird nie unterbrochen.
Durch den Rest der Watch strömt nun eine Welle der Erleichterung, denn die Aussicht auf eine weiche, wärmende Koje rückt immer näher. Die letzte halbe Stunde verbringen wir mit unseren Toasties. Diese schmecken köstlich, auch wenn sie mittlerweile vielleicht ein wenig kalt sind. Die Bordlichter gehen wieder aus und um 3:56 Uhr kommt endlich die Wachablösung und unser Watchleader gibt uns das OK unsere Position zu verlassen. Nach einem letzten Schluck Wasser in der Messe mache ich mich nach viereinhalb Stunden, die sich ewig angefühlt haben, auf den Weg zurück in meine Koje.

Abendstimmung an Deck

Abendstimmung an Deck © Johnny

Das war relativ genau der Ablauf der 0-4 Uhr Nachtwache der White Watch während der letzten Woche. Glücklicherweise gab es am Sonntag den Watch-Wechsel, wodurch die Blue Watch jetzt das Vergnügen des dauerhaften Schlafmangels hat.

Aktuell befinden wir uns irgendwo mitten in der Biskaya und man kann wirklich von Glück reden, wie ruhig die bisherige Durchquerung dieser verlaufen ist. Der seit den letzten drei Tage angekündigte Sturm lässt jedenfalls noch auf sich warten, aber die Wellenlänge wird größer und das Schiff beginnt sich immer mehr zu bewegen ...
 
Konstantin und Philipp


 
Nur als Info: Mit den geschriebenen Personenalpronomen sind natürlich alle Geschlechter gemeint!

Grüße:

  • Anna K: Liebe Grüße an die Blondine, die in Wittmund geboren ist, hoffentlich kannst du mich bald rumcruisen ;)
  • Bastian: Hallo
  • Henri: Auch Hallo
  • Carla: Leutiiiiis ganz liebe Grüße (auch von Greta). Ich hoffe, ihr habt extreeem entspannte Ferien :) und auch ganz liebe Grüße an Lucy und Bruno, Gerlinde & Thomas.
  • Elsa: Liebe Grüße an Mama, Papa und Luise. Mir gehts super!
  • Jojo: Liebe Grüße an meine ganze Familie. Mir geht‘s super, ich klettere gleich das zweite Mal auf‘s Inner Jib hoch. Ich bin auch sehr glücklich über das Handtuch und den Beutel.
  • Konsti: Ganz herzliche Grüße an Mama, Papa und Leo sowie Wuschel und Helene. Und natürlich auch an Matteo ... :)
  • Lasse: Liebe Grüße an Thomas, Rita, Anna, Jonas und Yaro.
  • Linus: Grüße an Luuk, viel Erfolg. Grüße an die Liederbacher Gruppe, Oma und Opa, Mama und Papa und Jonas.
  • Lisa: Liebe Grüße an meine Familie. Ich bin leicht erkältet doch ansonsten geht es mir super! Hab euch lieb.
  • Luisa: Liebe Grüße an meine tolle Familie. Ich hab euch lieb.
  • Luna: Liebe Grüße an Amelie, Carla, Paula & Nici. Liebe Grüße auch an Ina & Andrew, bitte denkt dran, das Blogbuch zu bestellen!
  • Madita: Liebe Grüße an meine Family.
  • Maite: Ganz liebe Grüße an Mama, Papa, Clari, Laura und Nathan HDGDL.
  • Philipp: Liebe Grüße an meine Familie, Paten, Verwandte und Freunde.
  • Stella: Liebe Grüße an Eva, ich habe schon fast alle deine Süßigkeiten gegessen ...
  • Mayumi: Liebe Grüße an Maxime, Mama, Papa (Danke für eure süßen Briefe!), Kilian, Juna, Lina, Louisa, Elsa, Omas und Opas;-) Love you & miss u und ich bin btw Blue Watch.
  • Luca: Ganz liebe Grüße an meine Familie und an meine Freunde. Wir haben inzwischen recht starken Seegang aber bei mir ist alles super. Ich hoffe es geht euch allen gut.
  • Anna H: Lieber Papa ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag, hab dich lieb<3. Ansonsten noch liebe Grüße an den Rest zu Hause. Bisher war ich noch gar nicht seekrank, obwohl wir teilweise starken Seegang hatten.