20. Mai 2026 Moby Duck

Datum: 12.4.2026
Position: Helgoland
Bisher zurückgelegte Seemeilen: 14.769 so ca.
Ziel: Zuhause
Wetter: Deutschland halt
Stimmung an Bord: Prüfungsstress 

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Nennt mich Lisbeth. Vor ein paar Monaten, das genaue Datum ist unwichtig, als ich vom Leben an Land die Nase voll hatte, kam ich auf die Idee, zur See zu gehen und mir den wässrigen Teil der Erdkugel näher anzusehen. Ende letzten Jahres machte ich mich also auf die Suche nach einem Schiff, welches mich während meiner Reise beherbergen sollte. Solch eine Auswahl sollte man durchaus mit notwendiger Ernsthaftigkeit treffen, denn dieses Schiff sollte mich bald über die unendlichen Tiefen der unerbittlichen See tragen.

Nach längerem Umherwandern und wiederholten Rückfragen brachte ich schließlich hervor, dass genau zwei Schiffe im Hafenbecken von Bremerhaven lagen, die demnächst auf sieben Monate auslaufen sollten: die „Artemis“ und die „Eendracht“. Wie die „Artemis“ zu ihrem Namen kam, hatte keine nähere Nachforschung nötig, dass Schiff schien so zielsicher zum Bug zu verlaufen, wie ein Pfeil der Göttin selbst. Auch die Namensgebung des niederländischen Seglers, die „Eendracht“, erforderte keine großen Anstrengungen in der Enttarnung, dessen was dahinter steckte. Eintracht — Zusammenhalt und Gemeinschaft. Ihre drei Masten ragten imposant in den Himmel empor, während sie behutsam im Wind schaukelte und leichte Wellen im Hafenbecken schlug. Ich sah mich etwas an Deck um und war sodann davon überzeugt, dass dieses und kein anderes mein Schiff werden sollte.

Es war früher Nachmittag an einem ungemütlichen Oktobertag. Es war gerade mal drei Uhr und doch war es schon ziemlich düster, als ich mich dem Kai näherte. Der Wind fegte mir undankbar um die Ohren und ich musste mein Gesicht tiefer in das Ölzeug vergraben und meine Augen zu Schlitzen verengen, um die anderen Gestalten am Hafenbecken ausmachen zu können. „Warten Sie!“, ertönte eine inbrünstige Stimme hinter mir, noch bevor ich zu ihnen stoßen konnte. Zugleich war auch schon jemand hinter mir, der seine Hand auf meine Schulter legte und sich dann vor mich drängte. Er hielt sich vornübergebeugt und blickte mir mit düsterer Miene in die Augen. „Gehen Sie an Bord?“ fragte ein kleiner Mann, dessen zottiger Bart den Großteil seines Gesichts einnahm. Ich war so perplex von diesem sonderbaren Auftreten des Mannes, dass ich überhaupt keine Antwort, geschweige denn irgend eine angebrachte Reaktion hervor brachte. Der kleine, in gelber Regenjacke und Gummistiefeln gekleideter Mann, welche ihm beide bis zu den Knien reichten, ließ sich von meinem Stillschweigen jedoch nicht beirren. „Nun nehmen Sie sich in acht, junge Reisende! Dieses Schiff wird heimgesucht von keinem anderen als Moby …“ Seine Worte verloren sich in dem heulenden Wind und als sich einer der Schiffsleute näherte, verschwand der Kleine auch schon wieder.

Mir blieb keine Zeit um mir meinen Kopf über diese Begegnung zu zerbrechen, denn schon wurde ich aufs Schiff gebeten. Jegliche Zweifel, welche diese Warnung möglicherweise hervorrief, wurden sogleich von Bord geworfen. Auf der „Eendracht“ angekommen, überkam mich allmählich Erleichterung und ich erklärte den gelben Mann, wie ich glaubte, nun endgültig für einen harmlosen Wichtigtuer.

Das Meer empfing uns nicht freundlich, aber auch nicht feindlich. Es war einfach da, unendlich, gleichgültig, tief. Und wir, eine Handvoll Jugendlicher, warfen uns ihm entgegen wie der fliegende Fisch den Vögeln zum Fraß.

Die „Eendracht“ selbst ist ein recht gewöhnliches Schiff. Mit knarzenden Masten und gefalteten Segeln. Doch unter all ihren Eigenheiten gibt es eine Sache, die jeden an Bord früher oder später beschäftigt: Die Enten. 

Enten finden ist nicht schwer, on the Eendracht they are everywhere!

Enten finden ist nicht schwer, on the Eendracht they are everywhere!

Überall sind sie. Kleine Figuren, bemalt, geschnitzt, versteckt. Manche lachen, manche starren. Manche scheinen dich anzusehen, auch wenn du dich bewegst. Zuerst hielten wir es für einen Scherz. Eine alberne Tradition. Bis wir von ihr hörten. 

Die Kapitänin Hannah lief, wie es ihre Gewohnheit war, ihre Runde an Deck. Ungehalten kehrte sie in ihre Kajüte zurück, nur um die Treppen wieder empor zu steigen, und ihren Gang an Deck neuerlich aufzunehmen. Die Stunden verstrichen, der Tag neigte sich beinah schon seinem Ende zu, da blieb sie plötzlich an der Reling stehen und befahl ihrem Steuermann, alle sollen herkommen. Der Steuermann, erstaunt über diese an Bord noch nie erteilte Bitte, rührte sich nicht. „Alle sollen herkommen“ wiederholte sie. Als die gesamte Besatzung versammelt war, betrachteten alle mit verblüffter Miene unsere Kapitänin, denn ihr Antlitz erinnerte an die Ruhe vor dem Sturm selbst. 

„Ihr seid alle aus dem selben Grund hier. Ihr denkt, dies ist eine Reise wie jede andere. Ihr irrt euch. Dieses Schiff, mein Schiff, euer Schiff trägt mehr als nur Segel und Besatzung. Sie trägt ein Unheil. Einen Fluch. Ihr habt sie gesehen, nicht wahr? Ob ihr es wahrhaben wollt oder nicht, euch allen ist das Unheil, das über uns schwebt, auf eine oder andere Art bewusst. Und dieses verdammte Quietschen!“ Hannah schaute düster in die Runde „Ihr lacht. Das hab ich auch. Damals. Bis ich selbst erlebte, womit wir es zu tun haben. Es ist keine gewöhnliche Ente. Kein dummes Spielzeug. Sie kam aus einem Sturm, wie ihn keiner von euch je zu Gesicht bekommen hat. Ein Sturm, der das Meer selbst zerreißen wollte. Und aus seinen Tiefen ... brachte er sie hervor. Seitdem folgt sie diesem Schiff. Oder besser gesagt: Sie wartet. Manche sind wie besessen von ihr, andere leugnen ihre Existenz komplett. Doch mir ist bewusst, was Moby Duck wirklich ist!“ In diesem Moment war keinem mehr zum Lachen zumute. Hannah sprach mit solch einer Inbrunst, welche ihr Publikum verstummen ließ. „Ihr glaubt, ihr könntet sie ignorieren? Wegsehen? So tun, als sei sie nicht da? Das Meer vergisst nicht. Und dieses Ding … erst recht nicht.“

Eine Weile herrschte absolute Stille an Deck. Der Wind selbst schien zu vergehen. Dann begann Hannah erneut, diesmal mit einer Erschöpfung in ihrer Stimme, welche mir einen Schauer über den Rücken zu jagen vermochte. „Ich habe Matros*innen gesehen, die stärker waren als ihr alle zusammen. Matros*innen, die den Ozean kannten wie ihre eigene Hand. Und ich habe gesehen, wie sie zerbrachen, nicht durch Wellen, nicht durch Wind ... sondern durch das, was sie sahen, als sie ihr begegneten. Und jetzt ist sie hier. An Bord. Bei uns.  Jetzt hört mir gut zu: Das hier ist keine Jagd, die ihr abbrechen könnt. Kein Spiel, das ihr verlieren dürft. Solange sie auf diesem Schiff ist, gibt es kein Entkommen. Also habt ihr zwei Möglichkeiten: Ihr könnt euch verstecken. Die Augen verschließen. Hoffen, dass sie euch verschont. Oder ... Ihr stellt euch ihr. Wir werden dieses verdammte Ding finden. Wir werden jeden Winkel dieses Schiffes durchsuchen, jede Kiste öffnen, jedes Seil lösen, bis wir sie in den Händen halten. Und wenn das Meer selbst sich gegen uns stellt, denn ich schwöre euch bei Wind und Welle: Diese Reise endet nicht, bevor Moby Duck gefunden ist.“

Hannah blickte uns mit leidenschaftlich funkelnden Augen an. Möglicherweise schlummerte unter dieser Fassade wirklich ein Stück Wahnsinn, die Besessenheit von der unerbittlichen Jagd nach Moby Duck. Doch wie absurd dieses Spektakel auch gewesen sein mag, in diesem Moment schien Moby Duck die Verkörperung des Bösen selbst und wir alle waren bereit, alles zu tun, um dieses Unheil von uns abzuwenden.

Erst später berichtete mir einer der Steuermänner wie sich das erste Zusammentreffen der „Eendracht“ mit Moby Duck zugetragen hatte. Und erst später kam mir die Begegnung mit dem alten Mann am Kai wieder in den Sinn. Es war in einer windstillen Nacht, als der Steuermann, bleich im Gesicht und mit salzverkrusteten Haaren, uns die Geschichte erzählt.

 „Eine Ente“, sagte er. „Keine gewöhnliche, nein eine aus Gummi. Gefunden, so heißt es, nach einem Sturm, der die „Eendracht“ fast verschlungen hätte. Sie trieb im Wasser, unversehrt, leuchtend weiß, als wäre sie nie Teil dieser Welt gewesen. Man nahm sie an Bord. Ein Fehler. Seitdem, so flüstert man, erscheint sie immer wieder. Nicht immer sichtbar. Nicht immer greifbar. Aber immer da. Wer sie findet, so sagt man, wird verändert. Manche werden still. Manche unruhig. Manche behaupten, das Meer flüstere ihnen ihren Namen zu. Andere verschwinden.“

Wie lächerlich diese Geschichte auch klingen mag, in jener Nacht, als ich alleine am Steuer stand, schwor ich, ein leises Quietschen gehört zu haben, gleich neben mir. Tage vergingen, und das Leben an Bord wurde erneut zur Routine: Wachen, Segel setzen, Unterricht zwischen Himmel und Horizont. Doch dann begannen die Dinge sich zu verändern. Eine Ente fehlte, kaum merklich zwischen all ihnen. „Nur heruntergefallen!“, sagte jemand. „Das Schiff bewegt sich, das passiere nun mal.“ Aber am nächsten Tag tauchte sie wieder auf, an einem Ort, den niemand sich erklären konnte. Und das einzige was zurück blieb, war Unordnung und Chaos. Das Meer selbst schien unruhiger zu werden. Als würde es auf etwas warten.

Lisbeth vs. Eendracht-Enten

Lisbeth vs. Eendracht-Enten

Ich begann, länger wach zu bleiben, lauschte in die Dunkelheit, beobachtete jede Bewegung, jedes Geräusch. Und dann, eines Nachts, sah ich sie. Nur für einen Moment. Zwischen zwei Seilen, im schwachen Licht: eine kleine, weiße Form. Und ich wusste: Sie hatte mich auch gesehen. Von diesem Moment an war es keine Reise mehr. Es war eine Jagd. Nicht alle glaubten daran. Einige wollten es nicht glauben. Doch diejenigen von uns, die es gesehen hatten, konnten nicht mehr wegsehen. Wir suchten überall: unter Deck, in Kisten, zwischen Vorräten, selbst in den dunkelsten Ecken des Schiffes, wo es an frischer Luft mangelte. Doch das Einzige, was uns in die Hände fiel, waren alle möglichen anderen Entenerscheinungen, jedoch nie das weiße Schimmern im Dunkeln.
 

Ausgestellte Afro-Ente in Cabin 15

Ausgestellte Afro-Ente in Cabin 15

Manchmal hörten wir das Quietschen und erschauderten. Manchmal fanden wir Wasser, wo kein Wasser sein sollte. Jedes mal fanden wir eine Spur des Unheils, welches uns heimsuchte. Einmal schwor jemand, sie habe sich vor seinen Augen in Wasser aufgelöst. Und langsam begann ich zu verstehen, dass es nicht wir waren, die sie jagten. Sondern sie uns. Unser Leben auf der „Eendracht“ veränderte sich. Unser Alltag glich einem endlosen Kreislauf der Jagd, aus dem es kein Entkommen gab. Und irgendwo darin, immer außer Reichweite, war Moby Duck. Wartend.

Langsam schien ich zu verstehen, ich glaubte sie zu verstehen. Es geht nicht darum, sie zu finden. Es geht darum, dass sie gefunden werden will. Von jedem von uns – auf ihre eigenen Weise. Außenstehende sehen nur eine Gummiente. Ein lächerliches Spielzeug. Ein Witz. Viele unter uns sahen mehr. Ich weiß nicht, was ich gesehen hatte. In einer der zahllosen Nächte sah ich sie neben meinem Bett. Still. Harmlos. Weiß. Ich habe mich nicht gerührt und am Morgen darauf war sie weg. Ich wusste nicht mehr, was Wirklichkeit war und was die Folgen von den schlaflosen Nächten. Vielleicht war es alles nur Einbildung. Oder Vielleicht beginnt die Reise jetzt erst wirklich. Und wenn ihr je auf einem Schiff seid und irgendwo ein leises Quietschen hört ... dann sucht nicht danach. Denn vielleicht hat es euch bereits gefunden.
 
In den darauffolgenden Tagen verändertet sich etwas an Bord. Nicht plötzlich, nicht greifbar, sondern wie ein kaum merklicher Wechsel der Strömung. Das Quietschen war noch da, doch es klang leiser, ferner, als hätte es ein Teil seiner Dringlichkeit verloren. Auch wir suchten nicht mehr mit derselben Rastlosigkeit. Die Gespräche wurden ruhiger, die Blicke länger. Es war, als hätte jeder von uns begonnen, auf seine eigene Weise zu verstehen, dass diese Jagd nicht gewonnen werden konnte — zumindest nicht so wie wir es uns vorgestellt hatten.

In einer besonders stillen Nacht stand ich erneut allein an Deck. Das Meer lag glatt vor mir, fast spiegelnd, und der Himmel spannte sich klar über uns, durchzogen von Sternen. Kein Wind, kein Rufen, kein Drängen. Nur ich und dieses leise Gefühl, dass etwas zu Ende ging. Ich weiß nicht, warum ich schließlich unter Deck ging. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht, weil ein Teil von mir hoffte, sie noch ein mal zu sehen. Die Luft war kühl, ungewohnt ruhig. Und dort, zwischen zwei Kisten, lag sie. Die weiße Ente.

Moby Duck – die weiße Ente

Moby Duck – die weiße Ente

Nicht verborgen. Nicht flüchtig. Einfach da, als hätte sie beim Vorbeigehen jemand von der Kiste gestoßen. Ich bliebt stehen. Diesmal trat ich nicht näher, getrieben von Angst oder Neugier. Ich wartete. Und zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, dass sie mich beobachtete. Sondern dass sie ... nichts tat. Langsam ging ich in die Hocke. Mein Herz schlug ruhig, gleichmäßig. Langsam streckte ich die Hand aus, hielt jedoch kurz davor einen Augenblick inne. Und dann verstand ich. Es ging nie darum, sie zu besitzen. Nicht darum, sie zu besiegen. Es war eine einfache, aus Gummi gefertigte Ente, kein über uns herrschendes Unheil, sondern ein einfaches Spielzeug. Ich erhob mich wieder und ließ die Ente hinter mich. Kein Geräusch, kein Quietschen verfolgte mich von nun an. Nur Stille.

In den nächsten Tagen wirkte das Schiff leichter. Kaum noch jemand sprach darüber, doch ich sah es in den Gesichtern der anderen: Auch sie hatten etwas losgelassen. Die Enten waren noch da, überall wie zuvor. Doch sie wirkten plötzlich ... gewöhnlich. Vielleicht waren sie das auch schon immer gewesen.

Tage später erreichten wir Helgoland, die kleine Insel zeichnete sich schon von weiten am Horizont ab, fest und unbeweglich, fast fremd nach all dieser Zeit auf See. Das Ende meiner Reise auf der „Eendracht“ näherte sich dem Ende zu, und als ich ein letztes Mal über Deck spazierte blieb mein Blick an der Reling hängen. Für einen Moment meinte ich, ein leises Quietschen zu hören. Doch ich lächelte nur, und diesmal drehte ich mich nicht mehr nach dem Quietschen um. Und wenn ich das nächste Mal an Land trete und das Deck der Eendracht zum letzten Mal verlasse, wird es nicht Moby Duck sein, was bleibt, sondern all die Momente die wir in den letzten sieben Monaten gewonnen haben, die uns bleiben und die wir mit uns hinfort tragen.

Lenya

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Grüße:

  • Lenya: Hab euch alle sehr lieb, freu mich auf euch!
  • Laura: Liebe Grüße an Oma und Opa, Julia und Zora, hab euch alle lieb und freu mich auf euch! (Bringt mir bitte eine gescheite Hose nach Bremerhaven mit)
  • Hannah: Liebe Grüße an Mama und Papa, hab euch ganz doll lieb, auch liebe Grüße an meine Omas. Und natürlich liebe Grüße an Leo, Mariko, Mathilda, Johanna, ich freu mich euch bald wieder zusehen.
  • Mia De: Nur noch wenige Tage und ich freu mich schon so auf euch. Hab ein bisschen Bammel vorm SBF, aber wird schon. Hab euch so lieb und kann gar nicht glauben, dass wir jetzt wieder in Deutschland sind.
  • Mateo: Liebe Grüße an Hannes Vater, Matthias, und den lieben Justus, der Hannes freut sich schon riesig auf Euch!!!
  • Pauli: hola familie, Könnt ihr bitte zur Ankunft meine Birkenstocks mitbringen, kein Bock mehr auf meine Schuhe. Bitte auch meine Köpfhörer für die lange Autofahrt. Lol hab euch lieb, bitte bringt Snacks mit. Danke lol
  • Muri: Ganz liebe Grüße an die Omas und Opas und an die Family:) Wärt ihr so lieb und besorgt Kräuterfrischkäse? Craving ist gerade groß