Zwischen Smartphone, Social Media und KI: Wie lernen junge Menschen heute, selbstständig zu denken?
„Versuchen Sie einmal, eine halbe Stunde lang nicht auf Ihr Smartphone zu schauen.“
Mit diesem Appell eröffnete Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Zierer von der Universität Augsburg seinen Online-Vortrag für Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Interessierte der Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog.
Hinter der scheinbar einfachen Aufforderung verbirgt sich eine Frage, die Familien und Schulen täglich beschäftigt: Wie viel Digitalisierung hilft beim Lernen – und wann wird sie zum Hindernis?
Zierer machte deutlich: Digitale Medien sind weder grundsätzlich schlecht noch automatisch gut. Entscheidend ist, ob sie dem Lernen dienen – oder ob sie Aufmerksamkeit, Konzentration und eigenständiges Denken verdrängen.
Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung für Lernen
Ein zentrales Thema des Vortrags war die Wirkung von Smartphones auf Konzentration und Lernleistung. Zierer verwies auf internationale Studien und Meta-Analysen, nach denen besonders außerschulische Smartphone-Nutzung, Smartphone-Sucht und ständige Ablenkung negative Effekte auf das Lernen haben können.
Schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones könne Aufmerksamkeit binden, selbst wenn es nicht aktiv genutzt werde. Jede Nachricht, jedes Vibrieren, jeder kurze Blick koste Energie. Lernen aber braucht genau das Gegenteil: Ruhe, Ausdauer und die Fähigkeit, bei einer Sache zu bleiben.
Gerade Kinder und Jugendliche stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung. Der für Selbststeuerung, Aufmerksamkeit und Impulskontrolle wichtige präfrontale Cortex entwickelt sich während der gesamten Jugendzeit weiter. Gleichzeitig wirken digitale Medien gezielt mit schnellen Belohnungen, Benachrichtigungen und sozialen Rückmeldungen. Von Kindern und Jugendlichen zu erwarten, sie könnten diesen Mechanismen dauerhaft allein durch Selbstdisziplin widerstehen, greift daher zu kurz. Sie brauchen Orientierung, altersgerechte Regeln und geschützte Räume, in denen sie den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien erlernen können.
Mehr Technik bedeutet nicht automatisch bessere Bildung
Auch die Ausstattung mit Tablets und Laptops betrachtete Zierer kritisch. Nicht jedes digitale Gerät verbessert automatisch den Unterricht. Entscheidend sei der pädagogische Nutzen.
Besonders beim Schreiben und Lesen verwies er auf Forschungsergebnisse, die zeigen: Handschriftliches Mitschreiben und Lesen auf Papier fördern häufig eine tiefere Verarbeitung von Inhalten. Wer mit der Hand schreibt, sortiert, verdichtet und strukturiert Gedanken anders als beim schnellen Tippen. Auch beim Lesen können gedruckte Texte Vorteile haben, weil sie ein konzentrierteres und vertiefteres Arbeiten ermöglichen.
Für Zierer ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob digitale Medien eingesetzt werden, sondern wann, wie und wofür. Es gebe nicht nur ein „zu spät“, sondern auch ein „zu früh“.
KI kann unterstützen – Denken muss der Mensch selbst lernen
Ein weiterer Schwerpunkt war Künstliche Intelligenz. Zierer warnte davor, KI als bequeme Abkürzung zu nutzen. Wenn Chatbots Hausaufgaben, Texte oder Denkprozesse vollständig übernehmen, entsteht kein Lernen.
Sinnvoll könne KI nur dort sein, wo bereits eigenes Wissen vorhanden ist: Ein selbst geschriebener Text kann mit Hilfe eines Chatbots überprüft, hinterfragt und verbessert werden. Dann wird KI zu einem Werkzeug, das zum Nachdenken anregt. Problematisch wird es dort, wo sie das Denken ersetzt.
Zierers Kernbotschaft: Wer KI sinnvoll nutzen will, muss zuerst selbst denken gelernt haben. Schule ist damit mehr denn je ein Ort, an dem junge Menschen Urteilsfähigkeit, Fachwissen und geistige Selbstständigkeit entwickeln müssen.
Was gutes Lernen weiterhin ausmacht
Am Ende des Vortrags und in der nachfolgenden Diskussion wurde deutlich: Die entscheidenden Faktoren erfolgreichen Lernens sind nicht neu.
Zierer nannte vor allem die Lehrer-Schüler-Beziehung, Vertrauen, gegenseitigen Respekt, gutes Feedback, den Umgang mit Fehlern und die Fähigkeit, eigene Lernstrategien zu entwickeln. Lernen gelingt dort, wo Schülerinnen und Schüler Fragen stellen, nachbohren, wiederholen, sich selbst organisieren und zunehmend Verantwortung für den eigenen Lernweg übernehmen.
Genau hier liegen besondere Stärken der Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog. Kleine Klassen, enge persönliche Begleitung und ein Internatsalltag, in dem Gemeinschaft, Verantwortung und praktische Erfahrungen selbstverständlich dazugehören, schaffen Bedingungen, in denen junge Menschen nicht nur Wissen aufnehmen, sondern sich selbst als Gestalterinnen und Gestalter ihrer Zukunft erleben können.
Bildung braucht echte Erfahrungen
Auf Spiekeroog endet Lernen nicht an der Klassenzimmertür. Beim Segeln, in Projekten, in der Gemeinschaft, bei Diensten und im Alltag auf der Insel entstehen Situationen, in denen junge Menschen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und die Folgen ihres Handelns erleben.
Diese Erfahrungen lassen sich nicht durch einen Bildschirm ersetzen. Sie ergänzen den Unterricht und geben Bildung eine konkrete, persönliche Dimension.
Digitale Medien gehören selbstverständlich zum Leben und Lernen dazu. Aber sie dürfen nicht zum Maßstab von Bildung werden. Entscheidend bleibt, dass junge Menschen lernen, aufmerksam zu sein, selbst zu denken, mit anderen zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen.
Genau darin liegt eine der zentralen Aufgaben von Schule: junge Menschen dabei zu begleiten, ihren eigenen Weg zu finden und ihn selbstbewusst zu gehen.
Oder anders gesagt: Wer seinen eigenen Kurs finden soll, muss lernen, ihn auch selbst zu bestimmen.
53°46′N · 07°42′E – Den eigenen Kurs finden.
