Die Eendracht zurück in Bremerhaven
Schon seit Samstag lag über Bremerhaven diese besondere Mischung aus Vorfreude, Nervosität und gespannter Erwartung. Eltern, Geschwister, Freund:innen und viele ehemalige Teilnehmer:innen der High Seas High School waren in die Stadt gekommen, um die Rückkehr der Eendracht mitzuerleben.
Für viele Eltern bedeutete dieser Tag weit mehr als nur die Ankunft eines Schiffes. Sie hatten ihre Kinder vor sieben Monaten verabschiedet und sie einem Leben auf See anvertraut – dem Atlantik, Stürmen, Wellen, Nachtwachen und den Herausforderungen eines Alltags fernab von Zuhause.
Sehnsucht am Kai
Je näher der angekündigte Zeitpunkt rückte, desto unruhiger wurde es an der Pier vor dem „Zoo am Meer“. Menschen reckten die Hälse Richtung Hafeneinfahrt, suchten den Horizont mit den Augen ab und hielten Ausschau nach dem vertrauten Schiff. Zwischen selbstgebackenem Kuchen, frischem Kaffee von „Crew an Land“ und bunten Willkommens-Transparenten lag vor allem eines in der Luft: die sehnsüchtige Erwartung, die eigenen Kinder endlich wieder gesund und sicher im Heimathafen willkommen zu heißen.
Die Rückkehr der 33. Reise
Als die Eendracht gegen 11 Uhr schließlich sichtbar wurde und langsam in den Neuen Hafen einlief, brandete sofort Bewegung und Applaus auf. Viele der Wartenden hatten diesem Moment monatelang entgegengefiebert.
Vor sieben Monaten waren die 38 Schüler:innen der 33. Reise bei nasskaltem Wetter und Sturmwarnung aufgebrochen. Der Deutsche Wetterdienst warnte damals vor schweren Sturmböen mit bis zu 100 km/h. Nun kehrten sie bei strahlendem Sonnenschein zurück.
Doch zwischen Auslaufen und Heimkehr liegen weit mehr als nur tausende Seemeilen.
Seit 1993 steht die High Seas High School – ein Projekt der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog – für ein außergewöhnliches Bildungsprojekt: das „segelnde Klassenzimmer“. Auf einem traditionellen Großsegler überqueren Jugendliche den Atlantik, leben und lernen gemeinsam an Bord und erhalten Unterricht nach dem Lehrplan des Landes Niedersachsen.

Lernen unter segeln
Vor allem aber lernen sie weit mehr als das, was in Schulbüchern steht.
Bereits nach kurzer Zeit beherrschen die Jugendlichen Segelmanöver, übernehmen Wachen, steuern das Schiff, navigieren selbstständig, lesen Wetterkarten und verstehen Gezeiten. Rund um die Uhr und bei jedem Wetter tragen sie Verantwortung – für sich selbst, füreinander und für das Schiff.
Die Reise fordert die jungen Menschen heraus. Sie bringt sie an Grenzen und oft weit darüber hinaus. Sie lernen, ihren eigenen Kurs zu bestimmen, Konflikte auszuhalten, Verantwortung zu übernehmen und als Gemeinschaft zusammenzuwachsen.
Mehr als eine Reise
So dauerte es nach dem Anlegen auch eine ganze Weile, bis die ersten Schüler:innen von Bord gingen. Zwar war die Freude über die Heimkehr in den Gesichtern unverkennbar – zugleich lag aber auch etwas Nachdenkliches über diesem Moment. Denn mit jedem Schritt von Bord wurde spürbar: Hier endet nicht einfach nur eine Reise. Hier verabschieden sich junge Menschen von einem Lebensabschnitt, der sie verändert hat.
Sieben Monate lang waren Wind, Wetter, Wellen und das enge Zusammenleben ihr Alltag. Als die 38 Schüler:innen schließlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten, wirkte vieles an ihnen gefestigter als noch beim Ablegen im vergangenen Herbst.
Vielleicht ist genau das eine der besonderen Erfahrungen der High Seas High School: Dass junge Menschen nicht nur mit Erinnerungen zurückkehren, sondern mit einem Vertrauen in sich selbst, das weit über diese Reise hinaus trägt – und sie auch auf die Stürme des Lebens vorbereitet.
Eltern, Pädagog:innen, Shore-Crew und Alumni nutzten die Zeit für Gespräche, Dankbarkeit und gemeinsame Erinnerungen. Traditionell wurde auch wieder gesungen.
Wie prägend eine solche Reise ist, zeigte sich auch daran, dass viele ehemalige Teilnehmer:innen eigens zur Ankunft nach Bremerhaven gekommen waren. Über 1.000 Jugendliche haben seit 1993 an der High Seas High School teilgenommen – und viele von ihnen verbindet bis heute das Gefühl, Teil von etwas gewesen zu sein, das weit über eine gewöhnliche Schulzeit hinausgeht.
„Die Reise endet im Hafen. Was sie mit den jungen Menschen gemacht hat, bleibt für immer.“
– Jürgen Ehrlichmann, Vater einer Teilnehmerin
Gegen 13 Uhr verließen die Reisenden schließlich mit ihrem Gepäck die Eendracht und wurden am Kai mit Umarmungen, Tränen und großem Applaus empfangen.
Und schon beginnt die nächste Reise
Und während an Land Abschied genommen wurde, begann an Bord bereits das nächste Kapitel: Schon am Sonntagabend gingen die Pädagog:innen der kommenden 34. Reise gemeinsam mit der ShoreCrew an Bord. Am Montag folgen die neuen Schüler:innen zum Probetörn.
Denn nach der Heimkehr ist bei der High Seas High School immer auch vor dem nächsten Aufbruch.