27.01.2018 | Netzwerk

50 Jahre Abitur Spiekeroog – Abijahrgang 1967 trifft sich nach 50 Jahren wieder auf der Insel

„Mit dieser Halle wären wir deutscher Meister geworden!“. Jeder hatte seine Erinnerungen – Irgendwie fühlten wir uns wieder zu Hause

Ich war gewarnt. Bei einem Interview mit dem Bestseller-Autor Rolf Dobelli, der „Die Kunst des guten Lebens“ geschrieben hatte, gab er den heißen Tipp, keine Klassentreffen mehr zu besuchen – die Frage nach dem Warum wurde von ihm beantwortet:
„Wir beneiden ja nur Menschen, die mit uns vergleichbar sind. Zum Beispiel jemanden, der ähnlich alt ist, aber besser aussieht. Oder jemanden mit einem ähnlichen Job, aber zehnmal mehr Gehalt. Wer das realisiert hat, weiß um die Risiken des Neides. Gehen Sie also am besten nur zum Klassentreffen, wenn Sie sich in allen Belangen überlegen fühlen.“

Obwohl ich diese Voraussetzungen überhaupt nicht erfüllte, bin ich hingefahren zum Ort des Geschehens - auf die Nordseeinsel Spiekeroog, wo vor 50 Jahren 18 junge Menschen 1967 das Abitur, die Reifeprüfung, abgelegt hatten. Zum Glück, denn das Wiedersehen mit der Insel, den ehemaligen Mitschülern und der Schule war einfach großartig!

Ein Brief unserer Mitschülerin Marina Klasing (heute Klasing-Verhoog) hatte im November 2016 das Treffen ins Rollen gebracht. Darin schilderte sie, dass Peter Engelhardt (Engerling) schon länger der Meinung sei, nach 50 Jahren müsse ein Klassentreffen stattfinden und damit habe er recht, begründete sie ihren Einladungsaufruf. Diesen unterstützten drei weitere Ehemalige: Hermann Edzards, Lutz Cramer und Jochen Jürgens. Und wer Spiekerooger Hotels und Übernachtungsmöglichkeiten kennt, weiß, dass ein Jahr vorher gebucht schon sehr knapp sein kann. So war der Sommer ausgebucht und es blieb nur das Zeitfenster vom 14. bis 18. Oktober 2017. Von damals insgesamt 18 Abiturienten/in waren inzwischen drei verstorben, drei waren leider aus persönlichen Gründen verhindert und so trafen zwölf Ehemalige zur Wiedersehensfeier ein. Insgesamt waren wir 23 Personen, einige hatten ihre Ehe- oder Lebenspartnerinnen sowie ihre Kinder mitgebracht.

Das Programm war mit großer Hilfe der Hermann-Lietz-Schule und einiger engagierter Mitschüler rund geworden. Samstag war nach zufälligem Treffen auf dem Norderloog inoffizielles Einstimmen in dem Sir George`s Pub. Jörg Hoefer, Manfred Hagemann und Michael Vidal mit Ihren Ehefrauen, Raymund Haesler und Günther Jesumann mit ihren Lebensgefährtinnen. Es war, als ob die Zeit stehen geblieben war, das gegenseitige Vertrauen war sofort wieder da. War man doch gemeinsam einige wesentliche Jahre auf dieser Insel im Internat Weggefährten durch Höhen und Tiefen gewesen. Der Abend ging schnell vorüber und alle freuten sich auf den Sonntag. Der sollte nicht nur weitere Ehemalige mit der Fähre bringen sondern auch das erste offizielle Zusammenkommen mit dem Austausch, was denn alles so gewesen ist in den paar Jahren zwischen damals und heute.

Das Empfangskomitee wurde unterwegs durch Wolfgang Duschl erweitert. Nach einem kleinen individuellen Dorfspaziergang erwarteten wir am Nachmittag die Fähre aus Neuharlingersiel. Gespannt schauten wir uns die Badegäste an. Wer könnte denn einer von uns sein?
Wolfgang und ich bemerkten bei den Koffercontainern ein bekanntes Gesicht. Strahlend liefen wir aufeinander zu. „Hermann, bist Du es?!“ Der Angesprochene grinste und schüttelte uns freundlich die Hände - aber er sei nicht Hermann, er sei Gerd, aber er sah doch Hermann total ähnlich! Gut, er war es nicht! Der nächste, der um die Ecke stiefelte, war der echte Hermann Edzards. Die Ähnlichkeiten waren so verblüffend - Wolfgang und ich kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Die anderen waren trotz leichter Veränderung der Konturen leichter zu erkennen, es kamen Lutz Cramer, unsere Klassentreffen-Organisatorin Marina, Peter Engelhardt, Jürgen Baller und Jochen Jürgens mit ihren Ehefrauen. Lange Umarmungen, kurze Absprachen, dass es heute Abend um 20 Uhr im Inselfrieden mit der Begrüßung weitergehen solle und der Schulbesuch morgen vorgesehen war. Dann zogen alle in den Ort und nach der erfolgreichen Zimmerbelegung gab es das erste gemeinsame Insel-Bier.

Der gemeinsame Abend im Inselfrieden wurde mit gewisser Anspannung erwartet. Wird es bei der Vorstellung der letzten 50 Jahre so sein wie vorgewarnt? Wird viel geprahlt und jeder auf den anderen - da vergleichbar - neidisch sein? Es kam völlig anders und darum sind Klassentreffen von Lietzern anders. Der erste Mitschüler berichtete unterhaltsam von Höhen und Tiefen, von nicht geschafften Examina, von wechselnden Partnerschaften und was er sonst noch so erlebt hatte. Das führte dazu, dass alle Nachfolgenden dies ebenso machten. Auch die Sorge derjenigen, die aufgrund der längeren Ausführungen schon glaubten einzuschlafen, wurde nicht erfüllt. Es menschelte ungemein und es bestätigte sich, dass nichts spannender ist als das tatsächliche Leben: so trafen dann diverse Ärzte auf Kaufleute, Unternehmer auf Lehrer, Tierarzt auf Diplom-Ingenieur, wohlhabende Ruheständler auf IT-Berater und Journalisten. Als dann noch die Fotos aus der gemeinsamen Schulzeit gezeigt wurden, waren die Gespräche nicht mehr zu stoppen. Der Abend endete im Sir George Pub.

Am nächsten Tag stand auf dem Programm: Besuch der alten Schule. Auf dem Weg dorthin wurde der Dünenschnellweg nicht wie früher genutzt, das Tempo bestimmten die auch früher schon nicht so Sportlichen. Bei dem Stopp für ein Foto auf der Düne 13 war der früher mögliche Blick auf die Schule unmöglich. Büsche und Bäume waren gewachsen, nur der Eingangsturm war noch zu sehen. Hinter der letzten Biegung stand sie dann vor uns: unsere alte Schule.

Wir wurden erwartet!
Insbesondere der im Schulverein sehr engagierte Jörg Hoefer hatte den Besuch angekündigt und trotz der Schulferien möglich gemacht.
Und was war das für ein Empfang!
Der Schulleiter Florian Fock, seine Ehefrau Swaantje Fock und die Leiterin der Hauswirtschaft, Hausdame Heidi Eisengarten, bereiteten uns tolle Stunden im Heim. Obwohl die Küche wegen der Ferien geschlossen war, war die Gastfreundschaft beeindruckend: Neben sehr interessanten und umfangreichen Informationen zu dem derzeitigen Stand der Schule, seiner Entwicklung, der klaren pädagogischen Linie, den täglichen Problemen, neben Führung und Erklärung des Nationalpark-Hauses Wittbülten durch deren Leiterin Swaantje Fock und eines ausführlichen Rundgangs durch die Schule…gab es einen wohlschmeckenden Imbiss sowie selbst gebackenen Kuchen.

Natürlich wurden alle ehemaligen Schulbuden besucht: „Hier haben wir gewohnt, hier ist das Unglück mit Hartelt passiert, hier waren wir durchs Fenster gestiegen, hier hat uns Seekamp getriezt, hier war unser Klassenzimmer, nein hier war es und so weiter….“ Es war die Begegnung mit der fast vergessenen Vergangenheit. Aber es stellte sich auch deutlich heraus, dass jeder seine eigene Wahrnehmung und Erinnerung an unterschiedliche Details hatte. Die einen waren Segler, die anderen Sportler, die einen waren Naturliebhaber, Theaterspieler oder Handwerker, die anderen Landwirte und Gartenarbeiter, Lorenfahrer oder wieder andere waren mit sich selbst beschäftigt.

Beim Anblick der großen Sporthalle kamen die alten Sportcracks nicht mehr aus dem Staunen heraus: „Mit dieser Halle wären wir Deutscher Basketballmeister geworden“, stellten Peter und Wolfgang trocken fest.

Die Schule, insbesondere deren Team und ihre auf Nachhaltigkeit angelegte  Reformpädagogik hat uns sehr beeindruckt. Die tollen Projekte wie das segelnde Klassenzimmer „High Seas, High School“ auf den Segelschiffen Thor Heyerdahl, Roald Amundsen und Johann Smidt, Mitarbeit im 1986 gegründeten Nationalpark-Haus Wittbülten, praktische Arbeiten und Gilden, Umwelt-Forschungen im Watt mit der Uni Oldenburg, Nordlichterklassen, Psychotherapeutenhilfe für Lehrer, Mitarbeiter und Schüler sprechen für sich. Man hat das Gefühl, hier steht das Leben an sich mit all seinen Herausforderungen und Verantwortungen, aber auch seine Lust und Lebendigkeit im Mittelpunkt und jeder wird geprägt, so dass ein auf Nachhaltigkeit angelegtes Denken und Handeln bei gleichzeitiger Wertevermittlung ganz selbstverständlich erscheint. Irgendwie fühlten wir uns sehr vertraut und ein wenig auch wieder zu Hause auf Lietz, der Charakter unserer Schule ist geblieben. Es lohnt sich offensichtlich nach wie vor hier Schülerin oder Schüler zu sein.

Florian Fock und Heidi Eisengarten beantworteten geduldig alle Fragen zu Familienabenden, Kapellen, Klassenstärke, Segelabitur, Religionsausübung, Sportwettkämpfen, Verhältnis zu den anderen Lietz-Schulen, Morgenlauf, Schlagballturnieren, Segelregatten, Kultur/Theateraufführungen, Beziehung zu den Dorfbewohnern, Sauberkeit der Zimmer, Abwaschen in der Küche, Schulträger bestehend aus Schul- und Förderverein.

Hier wurde bekannt, dass nur wenige Mitschüler derzeit im Förderverein aktiv sind. Jörg rief zu mehr Mithilfe, Engagement und Unterstützung unserer alten Schule auf. Das führte direkt zu einigen Stuhl-Spenden und mündlichen Eintrittsabsichten in den Förderverein. Die Mitarbeiter und die derzeitig 75 Internatsschüler -  ein Drittel Mädchen und zwei Drittel Jungs - haben das allemal verdient. Zum Schluss lud uns unser Gastgeber Florian Fock alle zum nächsten Jahr herzlich ein. Vom 30. August bis zum 1. September feiert die Schule 90-jähriges Jubiläum.

Als wir beschwingt ins Dorf zurück marschierten war uns klar, dass unser Besuch sich mehr als gelohnt hatte. Der Abend im Hotel zur Linde wurde zum Austausch vieler schöner Erinnerungen genutzt. Der freundliche Service, das gute Essen und die vielen Getränke sind ebenso zu loben wie die vielen schönen Geschichten, die in der Runde fröhliche Zuhörer fanden. Viele Fotoalben wurden in die Runde gegeben und gaben Anlass zu immer wieder neuen Geschichten. Die Vertrautheit der Klassengemeinschaft war schon längst einer Verbundenheit und Offenheit gewichen, die wohl alle Teilnehmer nicht so erwartet hatten. Man redete mehr miteinander als wie wir es vielleicht in der Klassengemeinschaft je gemacht hatten.

Der spontane, kurze Besuch von Heidi Eisengarten und ihrem Mann Björn - Bootsbauer und auch Segelausbilder - wurde mit großem Hallo begrüßt. Sie waren nur gekommen, um für den nächsten Tag zu einer Segelfahrt mit „Albatros“ einzuladen. Und so kam es, dass eine kleine Gruppe noch das Wattenmeer zur oktoberlichen Segelfahrt nutzen durfte.

Der Abend war noch lang und allen war klar, dass es ein Wiedersehen nicht erst in fünf Jahren geben sollte. Einige waren tatsächlich seit 50 Jahren nicht mehr auf „Spie“ gewesen. Vor 30 Jahren hatten sich einige das letzte Mal hier getroffen. Nun wurde ein Wiedersehen in drei Jahren verabredet und als Organisator bot sich der Berichterstatter an. Zu später Stunde wurden die am nächsten Tag Abreisenden verabschiedet. Die Bleibenden verabredeten Inselrundgängige oder eine Fahrt mit der nur noch touristisch genutzten Inselbahn oder wollten mal zum Zeltplatz und nach Laramie schauen…

Am Abend des dritten Tages traf man sich wieder in der gemütlichen Bar und mehre Stunden später wieder zur Abfahrt mit der Fähre nach Neuharlingersiel. Der Blick zurück zur Insel und zur alten Schule war erfüllt. Text: Günther Jesumann

Wer war dabei? Abijahrgang 1967 zu Besuch an der Lietz auf Spiekeroog:
Jürgen Baller // Lutz Cramer // Wolfgang Duschl // Hermann Edzards // Peter Engelhardt // Raymund Haesler // Manfred Hagemann // Jörg Hoefer // Günther Jesumann // Jochen Jürgens // Marina Klasing-Verhoog // Michael Vidal //

Abijahrgang 1967 - nach 50 Jahren wieder auf der Insel


Düne 13 gefüllt mit 50jährigen Abiturienten auf Spiekeroog (vlnr): Marina Klasing-Verhoog, Jörg Hoefer, Lutz Cramer, Raymund Haesler, Hermann Edzards, Günther Jesumann, Wolfgang Duschl, Jürgen Baller, Peter Engelhardt, Michael Vidal, Manfred Hagemann, Jochen Jürgens (nicht dabei, da verhindert: Cornelius Maubach, Peter König, Günter Wolkewitz)

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