16.06.2017 | Schule und Internat

Presse-Artikel im Handelsblatt
Internat Hermann Lietz-Schule Spiekeroog:
Wo Segeln Pflichtfach ist.
Deutschlands ungewöhnlichstes Internat

Text von Volker Kühn
Inselbegabung
Hier ist Segeln Pflichtfach: Die Herrmann-Lietz-Schule auf Spiekeroog will beweisen, dass elitärer Anspruch und Bodenständigkeit kein Widerspruch sein müssen. Zu Besuch in Deutschlands ungewöhnlichstem Internat.

Lehrer können echte Stimmungskiller sein. Gerade als sich die „Albatros“ unter vollen Segeln weit auf die Seite legt, als der Jollenkreuzer an die sieben Knoten erreicht und sich in Anton Müllers Gesicht ein zufriedenes Grinsen ausbreitet, kommt vom Ruder die Frage: „Theoretische Rumpfgeschwindigkeit des Bootes in Verdrängerfahrt?“
Das Grinsen weicht einem Stirnrunzeln. Wie war gleich die Formel?
Ein Nachmittag Ende Mai auf dem Wattenmeer. Drei Boote der Hermann-Lietz-Schule von der ostfriesischen Insel Spiekeroog haben Kurs auf das sechseinhalb Kilometer entfernte Festland genommen. Anton Müller, 17 Jahre alt und Schüler des elften Jahrgangs, fährt vorneweg auf dem Flaggschiff des Internats. Das Segeln war einer der Gründe, warum er sich auf Anhieb wohlgefühlt hat, als er vor gut zwei Jahren hierherkam. „Ich wusste schon in der obligatorischen Probewoche, dass ich hierbleiben will“, erzählt er.
Doch leider gehört zur Segel AG nicht nur die Praxis, sondern auch die Theorie – mit so unangenehmen Fragen wie der nach der Rumpfgeschwindigkeit.
Das Segeln steht stellvertretend für das reformpädagogische Konzept des Internats, das mit seiner abgeschiedenen Lage auf einer Nordseeinsel das vielleicht ungewöhnlichste des Landes ist. Theorie und Praxis sind hier eng verzahnt. „Die Schüler sollen nicht um der Noten willen lernen, sondern weil sie merken, dass es etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun hat“, erklärt Schulleiter Florian Fock. Das versetze sie in die Lage, zu eigenständigen Persönlichkeiten zu reifen und Verantwortung zu übernehmen, sowohl für sich selbst als auch für die Schulgemeinschaft und später in der Gesellschaft.
In diesem Sinne scheut Fock auch einen reichlich kontroversen Begriff nicht: Elite. Spätestens seit die Autorin Julia Friedrichs in ihrem Buch „Gestatten: Elite“ mit Deutschlands Internaten abgerechnet hat, gelten diese vielen als überkommene Systeme zum Machterhalt eines selbstgerechten Geldadels.

Gilden und Galloways
Fock, mit Wollpullover und Pferdeschwanz schon äußerlich eher unverdächtig, diesem Personenkreis anzugehören, spricht deshalb lieber von „Verantwortungselite“. Es sei zwar durchaus ein Privileg, auf die Hermann- Lietz-Schule zu gehen. Schließlich sind die Klassen mit 15 bis 18 Schülern klein, die Betreuung ist intensiv, das außerschulische Angebot groß, und die Lernbedingungen sind damit im Vergleich zu staatlichen Schulen tatsächlich elitär. Mit Elite im Sinne einer Kaderschmiede habe das Internat aber nichts gemein. „Bei uns geht es bodenständig zu“, sagt Fock.
Eine Aussage, die Klaus Zierer bestätigt. „Das Internat strahlt Ruhe und Lockerheit aus“, sagt der Augsburger Professor für Schulpädagogik. Er arbeitet seit vier Jahren bei der Weiterentwicklung des Unterrichts mit dem Internat zusammen. „Das Besondere an der Schule ist, dass sie zwei Welten verbindet: die Reformpädagogik mit bald 90 Jahren Tradition und aktuelle Erkenntnisse der empirischen Forschung.“ Zwar stehe die Freiheit des Kindes im Mittelpunkt, doch wenn das Kind von zu viel Freiheit überfordert sei, nehme die Schule es auch an die Hand.
Wer sich vom Inseldorf auf den drei Kilometer weiten Weg zur Schule macht – zu Fuß, denn die Insel ist autofrei –, läuft durch Dünen und Salzwiesen, vorbei an Zitterpappeln, Sanddorn, Strandhafer und vom Westwind geformten Krüppeleichen. Das zweigeschossige Backsteingebäude von 1928 verströmt eine protestantische Nüchternheit, die in deutlichem Kontrast zu jener altehrwürdigen Schwere steht, die Internate wie Schloss Salem auszeichnet. Schüler und Lehrer machen einen geerdeten Eindruck. Alle duzen sich, der Kleidungsstil ist leger bis nachlässig, das an vielen Schulen ausgeprägte Markendenken scheint allenfalls bei Mobiltelefonen eine Rolle zu spielen.
Zu dieser Bodenständigkeit trägt bei, dass die Schülerschaft sozial gemischt ist. Rund ein Drittel der 76 Internatsschüler ist über Stipendien oder die Jugendhilfe hierhergekommen. Diese Behörde finanziert bisweilen den Internatsbesuch für Kinder, deren Eltern gestorben oder schwer erkrankt sind oder aus anderen Gründen ihre Erziehungsaufgabe nicht wahrnehmen können. Außerdem besuchen 18 Kinder aus dem Inseldorf das Internat.
Die Schüler arbeiten selbst mit, um den Internatsbetrieb aufrechtzuhalten. Getreu dem Motto vom „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ muss jeder Schüler Mitglied einer sogenannten Gilde sein. Das bedeutet im Minimum zwei Stunden praktische Arbeit pro Woche – etwa in der Bootsbaugilde bei der Instandhaltung der schuleigenen Flotte, in der Deichbaugilde, die sich um den Hochwasserschutz kümmert, oder bei der Aufzucht der Galloways in der Tierhaltungsgilde. Deren Fleisch landet später auf den Tellern der Schüler, den finalen Akt übernimmt aber der Schlachter – in den Ferien.

Partys als Praktikum
Ziel des Gildensystems ist es, neben den geistigen Fähigkeiten auch die handwerklichen zu fördern – und die organisatorischen. Die Beathausgilde etwa verwaltet den Fetenraum und hat sogar einen Geschäftsführer aus dem Kreis der Schüler. Seine Rechte und Pflichten sind in einem Vertrag mit der Schulleitung fixiert. „Der Geschäftsführer hat die verantwortliche Leitung des gesamten Geschäftsbetriebs“, heißt es darin. „Er ist dafür verantwortlich, auf die Servicequalität, die Einhaltung der Hygienevorschriften und eine ordnungsgemäße Haushaltsplanung zu achten.“ Partys als Managementschule.
Neben den Gilden gibt es zahlreiche AGs, wobei ein Schwerpunkt auf dem Segeln liegt, das in der achten Klasse sogar als Teil des Lehrplans benotet wird. „Die Schüler entdecken durch die Gilden und AGs manchmal Interessen und Talente, von denen sie vorher gar nichts wussten“, sagt Schulleiter  Fock. Genau die Absicht. Das Internat versuche, Stärken Schüler erkennen und zu fördern, während das staatliche Schulsystem oft eher defizitorientiert sei und auf die Schwächen schaue.
Zwischen den 18 Lehrern und den Schülern herrscht ein familienähnliches Verhältnis. Jeweils ein Lehrerpaar ist für sieben Schüler verantwortlich. Die Gruppe trifft sich dreimal täglich beim Essen, verbringt alle zwei Wochen einen Abend und zusammen.
Für eine derart intensive Betreuung müssen die Eltern tief in die Tasche greifen. Ohne Stipendium kostet der Schulbesuch in den Klassen fünf bis zehn knapp 2.600 Euro, in der Oberstufe sind es knapp 2.700 Euro – pro Monat.
Am Klischee, dass die Eltern ihren Kindern dafür ein Top-Abi kaufen, ist jedoch nichts dran: Der Notendurchschnitt im Abitur liegt im Landesschnitt – und das bedeutet in Niedersachsen traditionell: auf dem letzten Platz in Deutschland.
Fock ficht das jedoch nicht an. Ihm sei die individuelle Entwicklung der Schüler wichtiger als Länderrankings. Und die spreche klar für die Hermann-Lietz-Schule: „Die Schüler, die zu uns kommen, verbessern ihren Notenschnitt im Mittel um eine halbe bis drei viertel Note“, so der Schulleiter.
Anton Müllers Leistungen bestätigen das. An seiner alten Schule sei er gemobbt worden, erzählt er, während die „Albatros“ sich dem Hafen von Neuharlingersiel nähert. Seine Noten seien deshalb eingebrochen. Erst auf Spiekeroog, wo Mobbing kein Thema und der Kontakt zu Mitschülern und Lehrern eng sei, habe er sich wieder gefangen.
Kurz vor dem Hafen kommt er dann auch auf die Formel zur Berechnung der Rumpfgeschwindigkeit: Wurzel der Wasserlinienlänge mal 2,43. Bei der „Albatros“ sind das gut 7,3 Knoten.
Wieder was gelernt.

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Handelsblatt - Deutschlands Wirtschafts- und Finanzzeitung
Sonderveröffentlichung aus Handelsblatt 114 vom 16./17./18. Juni 2017
Text von Volker Kühn
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