22.05.2017 | Schule und Internat

Deichbaugilde des Lietz-Internats öffnet das Deichschart

Unter weiß bewölktem Himmel begann die Deichbaugilde des Internats Hermann Lietz-Schule Spiekeroog am 19. Mai, das im Herbst letzten Jahres sturmfest verschlossene Deichschart wieder zu öffnen.

›Deichschart‹ nennt man einen Durchlass in der Hauptdeichlinie, den man zur Erhaltung eines Verkehrsweges vorsieht und der außerhalb der Sturmflutsaison geöffnet bleibt. Im Normalfall kann ein solches Deichschart mittels mächtiger, eiserner Tore im Notfall recht rasch verschlossen werden. Derlei Schutzwerke finden sich auch bei der Pferdebahn im Westen der Nordsee-Insel Spiekeroog oder am Westhafen in Neuharlingersiel.

Das Deichschart, das die Lietzer Deichbaugilde zu hüten hat, ist allerdings noch ein altehrwürdiges Modell. Es wird durch eine doppelte und mit Sand verfüllte Balkenkonstruktion von Hand verschlossen. Dies muss mit größter Vorsicht und Umsicht geschehen, da eine solche nachträgliche Verschließung des Deichkörpers immer auch dessen empfindliche Schwachstelle bleibt. Es liegt also eine enorme Verantwortung in den Händen der Lietzer-Internatsschülerinnen und Schüler, die jeden Herbst erneut dieses Tor flutsicher errichten müssen. Unter Aufsicht eines Lehrers der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog gehen die Schüler mit der entsprechenden Sorgfalt zur Sache.

Das Öffnen des Deichschart jedes Jahr im späten Frühling hingegen ist vor allem eine große Kraftanstrengung, die es gemeinsam zu bewältigen gilt. Ungezählte Schubkarren Sand mussten auch dieses Jahr befüllt und fortgeschafft, knapp einhundert durch Nässe beschwerte Sandsäcke behutsam abgenommen und die übermannshohen Balken ausgelöst und sicher gestapelt werden. Die Enge des nur wenige Meter breiten Deichscharts forderte dabei von den zwölf Lietzer-Deichbauern entsprechende Umsicht und Sorgfalt im Einsatz ihrer Werkzeuge und bei allen Handgriffen, die vor, hinter und auf dem Bollwerk getan werden mussten.

In diesem Jahr schaffte es die Deichbaugilde, das Deichtor in gut drei Stunden tatkräftiger Arbeit zu öffnen. Schweißtreibend war dabei besonders, dass die wertvollen Werkstoffe nicht nur fortgeschafft, sondern auch sinnvoll wiedereingesetzt werden mussten.
Die Sandsäcke wurden dementsprechend in Dreierpaaren je Schubkarre durch über 250 Meter raues Deichvorland geschoben, um an anderer Stelle die Böschung eines kürzlich neu besodeten (=einen Deich mit Rasenstücken bedecken) Deichabschnittes zu verstärken.
Der am Deichtor ausgehobene Sand wurde wiederum auf einen anderen, im Bau befindlichen Teil einer Koog-Eindeichung gefahren, wozu die beladenen Schubkarren wieder und wieder die schmale Deichböschung hinaufgeschoben werden mussten. Hierbei zeigte sich einmal mehr, dass es bei harter Arbeit gar nicht so sehr auf die Größe der Muskeln, sondern auf die Bereitschaft und den Willen zur Tat ankommt. Jeder Schüler der Lietzer-Deichbaugilde, unabhängig von Alter und körperlicher Stärke, kann so seinen Wert und seine Aufgabe in der Arbeit am Deich finden.

Gegen 18 Uhr beendete man schließlich die Arbeiten am Deichschart erfolgreich. Am Horizont gen Westen konnten die Deichbauer noch die stolzen Segel der Ausbildungsjollen des Internats im Hafenbecken von Spiekeroog kreuzen sehen, auf denen an diesem letzten Tag der Segelwoche die Elftklässler des Lietz-Internats noch einmal ihr Bestes gaben. Am Deich legte man währenddessen nun die Arbeit nieder, zog die Handschuhe aus, sammelte die Schaufeln ein und brachte alles in langsamer Kolonne zum Internat zurück. Zur Belohnung und im Sinne eines guten Feierabends entzündete man noch den Grill am 'Offenen Treff' und beschloss gemeinsam mit viel Gespräch und Gelächter erschöpft und zufrieden den einbrechenden Abend.

»Deichbauer, wir öffnen das Deichschart!«


Die Deichbauer nehmen die Sandsäcke von der Südseite des Deichscharts ab...


GESCHAFFT – Lietzer Deichbauer nach der Öffnung des Deichscharts

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