30.09.2016 | Netzwerk

50 Jahre Abitur im September 2016 in Spiekeroog – Kaum hatte der Dampfer abgelegt, begannen die Erinnerungen.

Etwas nervös war ich schon, als ich die Fähre von Neuharlingersiel nach Spiekeroog betrat. Wie sahen sie wohl aus die alten Klassenkameraden? Immerhin 50 Jahre waren ins Land gegangen und viele hatte man überhaupt nicht wieder gesehen seitdem. Ja, da stand eine kleine Gruppe an der Reling, ihre Blicke waren nicht auf das Wattenmeer gerichtet! Der kleine Kreis von mittelalterlichen junggebliebenen Herren, knapp noch vor dem achten Jahrzehnt, das müssten sie sein und da ist auch der alte Mitspieler Grim!

"Mann, Grim, bist ja immer noch kräftig" rutschte es mir bei der Begrüßung heraus! Die Runde lachte, das war wohl schon jemand anderem vor mir passiert. "Ich bin Roland, grüß dich Jesus, Grim steht neben mir!" antwortete der Verkannte. Grim war inzwischen total schlank geworden, hatte eine Schiebermütze auf und war nicht wiederzuerkennen. Der große Handballcrack der früheren Jahre freute sich über diese Verwechslung diebisch. Wie überhaupt die Wiedersehensfreude groß war. Und dann kam einer um die Ecke, Kamera um den Hals und mit seinem trockenen hanseatischem „Hallo“ sofort zu identifizieren: Holger Borwitzky! Inzwischen hatte der Dampfer abgelegt – und Schwups, waren wir schon mittendrin in alten Geschichten - so verging die Fahrt bis zum Hafen von Spiekeroog wie im Flug.

Im Ort trafen wir im Inselfrieden den Ideengeber und Organisator dieses Klassentreffens Dr. Behrend Behrens. Nach Spiekeroog waren gekommen: Roland Bange, Holger Borwitzky, Grim Daser, Wolfgang Handt, Günther Jesumann, Alfred Kalmbacher, Alexander Kaltofen, Thomas Lützenberger, Kurt Meinheit, Dietmar Müller und Karl Simon. Einige andere hatten sich nicht freimachen können. Große Freude bei allen Teilnehmern - der Erinnerungsaustausch ging weiter bei einem gemeinsamen Abendessen. Das großartige Programm des Klassentreffens, gestaltet von unserem damaligen Werkschüler in der Landwirtschaft Behrend, war perfekt vorbereitet.

Erwähnenswert ist auf alle Fälle die Geschichte, die Wolfgang Handt mit vielen Grüßen des auch verhinderten Kurt Leffers aus Wilhelmshaven mitgebracht hatte: An einem schönen Rotweinabend habe Kurt ihm gestanden, er sei stets auf der Suche nach Lehrerstreichen gewesen. Vier davon berichtete Wolfgang. Nur einer sei hier erzählt. Eines Morgens nach dem Morgenlauf und vor dem Frühstück war Unterricht im Physikraum bei Lehrer Fischer. Der begann mit der Frage nach einer Formel – Schwefelsäure -  Leffers gab schnell und präzise die richtige Antwort und Fischer drehte sich zur Tafel und schrieb diese darauf. Als er sich umdrehte, war Kurt nicht mehr da?!  Im Gesicht Fischers war etwas Ungläubiges. Das erhöhte sich, als es an der Klassentür klopfte: Herein kam Kurt mit einem etwas entschuldigendem Lächeln und bat um Verzeihung, dass er sich verspätet habe. Nun war Fischer völlig von der Rolle. Die Verwirrung war groß, die Mitschüler waren begeistert, denn Kurt hatte nach der Schwefelsäure-Formel mit einem Sprung aus dem Fenster das Klassenzimmer verlassen. Das führte zu einer Eintragung ins Klassenbuch, Leffers springe unerlaubt aus dem Klassenzimmer! Herrliche Geschichten wurden ausgetauscht.....

Nach dem ersten langen Abend des Wiedersehens stand am nächsten Tag nach dem Frühstück der Besuch in der Hermann Lietz-Schule an. Der Spaziergang durch die nicht wieder zu erkennenden Dünen, dem ausgebauten Weg, dem neuen Deich war nicht für alle so leicht wie früher. Im Seminarraum Wittbülten wurden wir von einem genialen Begrüßungsteam - bestehend aus dem Schulleiter Florian Fock, seiner Ehefrau und Leiterin des Nationalpark-Hauses Wittbülten Swaantje Fock sowie der überall präsenten und engagierten Leiterin der Hauswirtschaft und Planerin der praktischen Arbeit Heidi Eisengarten - erwartet.

Wir hörten über die gute Belegung und solide Situation der Schule, der Auslastung und welche Neuigkeiten und Probleme es gibt. Florian Fock berichtete uns, dass nicht nur Wissen, sondern Kompetenzen hier erworben werden – Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Unsere Neugier wurde vollständig befriedigt, alle Fragen beantwortet, auch nahmen wir alle den Eindruck mit, hier ist ein sehr professionelles, ideenreiches und menschliches Team an der Arbeit.

Der Rundgang durch Nationalparkhaus, durch Labore, Turnhalle und die Aussicht auf die total grüne Ostplaate wird uns lange in Erinnerung bleiben. Die offenen und freundschaftlichen Gespräche während der Begegnung beim gemeinsamen Mittagessen mit Lehrern, Schülern und den alten Weggefährten war einfach schön. Die jungen Schüler freuten sich von den ehemaligen Lietzern deren Geschichten zu hören und die Alten erfreuten sich an den Erzählungen der Jungen. Hermann, unser alter Lietz-Gründer, hätte sich gefreut....  Danke an alle Beteiligten – wir hatten das Gefühl, wieder einmal ein wenig „zu Hause“ gewesen zu sein, manche haben auch gleich für das Heim gespendet.

Den Rückweg traten wir dann alle auf den verschiedenen Wegen an, einige wollten doch nochmal schauen, ob im Quellerdünenheim immer noch junge Mädchen Kinder hüteten...andere waren eher an der Wanderdünenbewegung interessiert oder an einem Blick auf die Nordsee.
Am Abend fanden wir uns wieder zum gemeinsamen Plausch im Inselfrieden zusammen. Der Abend brachte uns auf den neuesten persönlichen Stand von uns alten Lietzern, was war inzwischen mit uns persönlich geschehen, was alles passiert. Eine Menge! Aber das brauchen wir nicht beschreiben, das bleibt auch in unserer Erinnerung.

Dann gab es eine Unmenge von alten Fotos aus Holgers unendlichem Fotoschatz und aus den vielen Fotos des leider beim Treffen verhinderten Jürgen Koch zu sehen. Die Segler, die anderen Sportler, die anderen Heime und viele Mitschüler. Es wurde viel gelacht und viel erzählt. Wie viel Uhr es war, als alle gingen, ist nicht bekannt.

Am nächsten Tag war Abreise. Viele trafen sich erst auf dem Schiff nach Neuharlingersiel wieder. Alles war sehr schön, dem Initiator Behrend Behrends sei herzlicher Dank – das Einzige, was ich als Schreiber dieser Zeilen erst jetzt so richtig bemerke, ist, dass ich Euch zwar alle sehr gut in Erinnerung habe, jedoch nicht in dieser Klasse Abitur sondern erst ein halbes Jahr später gemacht hatte – aber das hat meiner Freude keinen Abbruch getan - so  kann ich doch 2017 alles nochmal erleben.....
Text von Günther Jesumann (Spitzname Jesus)


ABITURJAHRGANG 1966 zu Besuch an der Lietz auf Spiekeroog. Heidi Eisengarten, Hausdame am Lietz-Internat mit den ehemaligen Abiturienten: Karl Simon, Thomas Lützenberger, Alfred Kalmbacher, Grim Daser, Günther Jesumann, Kurt Meinheit, Roland Bange, Wolfgang Handt, Dr. Behrend Behrends, Alexander Kaltenofen, Holger Borwitzky, Dietmar Müller v.l.n.r.

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