23.06.2016 | Netzwerk

Nach 50 Jahren zurück auf der Insel und in der Lietz-Schule

Am letzten Maiwochenende trafen sich acht ehemalige Lietzer des Abiturjahrgangs März 1966 auf der Insel, um sich, ihr altes Internat und die alte Schule und nicht zuletzt auch die Insel wiederzusehen, die vor einem halben Jahrhundert in ihrer Jugendzeit für mehrere Jahre ihr Zuhause war.

Möglicherweise ein Zuhause, das intensiver war als es heutzutage für die gegenwärtigen Schüler der Hermann-Lietz-Schule ist, denn damals gab es nur dreimal im Schuljahr Ferien: sehr lange Sommerferien und relativ lange Ferien um Weihnachten und Ostern. Für einige der jetzt angereisten "Altbürger"  waren die Veränderungen bei der Anreise und im Dorf nicht ganz so neu, weil sie in den Jahren zuvor immer einmal wieder auch nach Spiekeroog - z.T. auch mit ihren eigenen Kindern - gereist waren.

Einer der früheren Schüler bemerkte, am meisten vermisse er die Inselbahn. Und wer denkt dann nicht zurück an das kleine Fährschiff, das noch auf der Westseite des Hafens von Neuharlingersiel ablegte und dann am "alten" Anleger aus Holzbalken ganz im Südwesten der Insel wieder anlegte - der neue Anleger, den es heute auch nicht mehr gibt, wurde damals gebaut; er war mit Steinen befestigt und gepflastert, auch war er höher, so dass er bei höherem Wasserstand nicht mehr überflutet wurde; wie per Hand das Gepäck vom Schiff in die Inselbahn verladen wurde und es dann mit zwei Zwischenhalten, Zeltplatz und West, zum damals brandneuen Bahnhof (heute ein Restaurant) ging. Dort stand das Pferdefuhrwerk von der Landwirtschaft der Lietz-Schule, die das Gepäck dann weiterbeförderte.

Heute ist alles rationeller und auch viel bequemer und die Infrastruktur trägt auch der viel größeren Zahl der An- und Abreisenden Rechnung - aber erlebnisreicher, wenn auch nicht gerade komfortabel war es damals schon.

Das Dorf hat sich im Laufe der Zeit und entsprechend den Bedürfnissen des Fremdenverkehrs entwickelt, doch in einem Maße, das einen Besucher nach 50 Jahren nicht vollkommen fremd fühlen lässt. Die große Anzahl der touristisch orientierten Geschäfte gab es damals nicht, auch nicht die vielen Ferienhäuser. Doch damals gab es mehr Geschäfte des alltäglichen Bedarfs und u.a. auch zwei Bäckereien. Dort wo früher das evangelische Pfarrhaus war, ist heute der Inselbäcker, und der ist jetzt der einzige auf der Insel. Die neue Inselkirche war damals gerade neu gebaut und hatte eine klangmächtige Orgel bekommen. Eine katholische Kirche gab es nicht, Messen und auch der Religionsunterricht für die wenigen katholischen Lietzer fanden in einem Wohnhaus am westlichen Ortsausgang statt. Kneipen gab es damals weniger, und - auch wenn die Schüler damals eigentlich kein Bier oder andere alkoholhaltige Getränke trinken durften - hatten dennoch die wenigen Wirte gelegentlich ein Auge zugedrückt und eine stille Ecke parat, wenn einen Schüler der Durst quälte.

Höhepunkt des Abiturtreffens war natürlich der Besuch der Schule und des Internates. Ein überaus herzlicher Empfang durch den Schulleiter Florian Fock und die Hausdame Heidi Eisengarten schafften eine Atmosphäre der Vertrautheit. Durch Focks Darstellungen des Schulalltages, der pädagogischen Ausrichtung und der sozialen Praxis konnte den Gästen ein Einblick in das heutige Leben von Schule und Internat vermittelt werden.

Die 'Altbürger' waren beeindruckt von dem Engagement der Schul- und Internatsleitung sowie ihrer Kollegen und konnten auch feststellen, wie sehr sich im Laufe der Jahre die Schule heute ganz anders darstellt und ganz anderen Herausforderungen begegnen muss als es die Schüler von vor 50 Jahren kannten. 

Und dennoch hatten die Altbürger das Gefühl, dass der Charakter des Inselinternates, wie es in ihrer Erinnerung lebt, bewahrt blieb. Tief beeindruckt waren sie insbesondere auch von den naturwissenschaftlichen Einrichtungen und der Zusammenarbeit der Schule mit wissenschaftlichen Institutionen – das gab es zu der damaligen Zeit auch nicht ansatzweise.

Sehr positiv war auch der Eindruck von den Schülerinnen und Schülern, insbesondere deren Freundlichkeit und Offenheit, mit der sie den Altbürgern bei einem gemeinsamen Mittagessen und einem Rundgang durch Schule und Internat begegneten. Mit etwas Wehmut wurde zur Kenntnis genommen, dass die alte große Schiffsglocke im Innenhof vor dem Schulgebäude nicht mehr das Wecken und die anderen Tagesabläufe begleitet, sondern – jetzt ohne Klöppel – nur noch Dekoration ist.

Ein Highlight für die Besucher war die Präsentation im Nationalpark-Haus Wittbülten mit seinem großen Inselrelief, seinen Aquarien und Exponaten sowie den Dokumentationen, verbunden mit einer kleinen Exkursion auf die Ostplaate der Insel, die Swaantje Fock mit großem Engagement charmant durchführte. Dies alles war nicht nur lehrreich, sondern auch spannend, weil die landschaftlichen Veränderungen im Ostteil Spiekeroogs innert der letzten 50 Jahre wirklich umwerfend sind. Alle Besucher haben großen Gewinn aus diesem Programmteil gezogen.
 
50 Jahre Entwicklung der Insel, insbesondere der Ostplaate, und des Dorfes, sowie der Schule mit allem Drum und Dran demonstrieren fast schon dramatisch, wie gründlich unsere Welt sich auch in den überschaubaren 50 Jahren auf der kleinen Insel verändert hat und dennoch Bleibendes in sich trägt – denn nichts kam den früheren Lietz-Schülern irgendwie so ganz fremd vor.

Das Begleitprogramm hat den früheren Klassenkameraden viel Gelegenheit zum erinnern und zu Gesprächen gegeben. Die meisten von ihnen sind noch ein oder zwei Tage länger auf der Insel geblieben. Alle waren erfreut und dankbar, dass sie ein solch interessantes und harmonisches Wiedersehen mit ihrer alten Schule und der Insel erleben konnten. Und es zeigte sich dabei, wie sehr sich alle der Schule und auch der Insel verbunden fühlten. Text von Dr. Gerhard Rakenius - 1966 Abiturient auf Spiekeroog

Abiturjahrgang 1966 zu Besuch an der Lietz


Lietzer Abiturjahrgang von 1966: Karl Albrecht // Heiko Burchardt // Dr. Gerhard Rakenius // Dr. Hans-Jürgen Frhr. von Werthern // Dr. Gert-Wiggo Beyer // Tilemann Schäffer // Paul-Ernst Hatger // Klaus Heinze mit Hund Karlchen v.l.n.r.

Die alte Schulglocke im Innenhof der Lietz


Die Schulglocke im Innenhof des Lietz-Internats auf Spiekeroog regelte früher den Internatsalltag

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